Gammelstad Kirchstadt

„Gammelstad – Kirchstadt ist ein einzigartiges Beispiel für eine traditionelle nordskandinavische Kirchstadt“, heißt es, als die kleine Stadt 1996 von der UNESCO als Welterbestätte aufgenommen wird. Wir besuchen sie.

Slow down

Die letzten Tage haben wir Kilometer „geschrubbt“ um Schwedens Corona Hotspots zu umfahren. Nun sind wir oben im Norden angekommen. Lappland. 

My turn to drive. Ich biege ab von der Hauptstraße und folge dem Hinweis „Gammelstad“. Nach kurzer Fahrt gelangen wir in den kleinen Ort – Weltkulturerbe.

Angekommen in Gammelstad

„Halt, da war der Parkplatz“, höre ich vom Beifahrersitz. Ich wende. Gar nicht so einfach mit eMANuela in dem kleinen, engen Ort. Fehlanzeige. Es war ein Privatparkplatz. Noch mal wenden. „Übung ist ja nicht schlecht“, denke ich mir und folge erneut dem P-Schild, welches ich zuvor angepeilt hatte. Gefunden. Ich fahre auf den riesigen Parkplatz, alles leer, freie Wahl.

Gammelstad Infocenter

Wir klettern von unserem Hochsitz in eMANuelas Fahrerkabine und gehen zum Infocenter am Parkplatz – geschlossen. Die Stadt ist fast menschenleer. Wir schlendern durch kleine Straßen mit roten Holzhäuschen. Wie Perlen auf einer Schnur sind die Häuschen nebeneinander aufgereiht.

Auf dem Weg zur Kirche, kommt uns lediglich eine Radfahrerin entgegen. Das Infocenter neben der Kirche hat geöffnet. Am Eingang prangt ein großes Schild: COVID-19, Hände waschen, bitte 1,50m Abstand halten und nicht hereinkommen, wenn sich schon mehrere Personen im Center aufhalten. 

Wir sind in Lappland in Gammelstad

Es ist zwar niemand dort, trotzdem bin ich unsicher. Ohne Mund- und Nasenschutz? Zwei junge Schwedinnen winken uns freundlich herein. Offensichtlich froh über Kundschaft. In gebührendem Abstand vom Tresen erkundigen wir uns über die Stadt. 

Ich frage nach den Öffnungszeiten der Kirche , denn die würde ich mir gerne ansehen. Die größte mittelalterliche Kirche Norrlands hat leider noch geschlossen. 

Wir besuchen die kleine Ausstellung im Center – allein. Von ehemals 71 Kirchstädten existieren heute noch 17. Nur schwer kann ich mir vorstellen, dass der Grund und Boden in dieser Gegend vor 1.000 Jahren über 10m unter der Wasseroberfläche lag. Der Kirchberg war eine kleine Insel.

Anschaulich wird die Geschichte des Ortes dargestellt. Die Ausstellung fasziniert mich. Ich mag es, wenn Menschen erzählen, so wie hier.

Stolz steht der Mann da

Ein Bauer erzählt

Wir Bauern aus der Gemeinde Lule haben alle Häuschen bei der Kirche gebaut. Meines hat die Nummer 154. Die habe ich von einem Landvermesser bekommen, der alle Häuser auf einer Karte eingezeichnet hat. Die meisten hier haben sich sogar ein eigenes Kirchenhäuschen gebaut. 

Sie schwelgt in Erinnerungen

Eine alte Dame erinnert sich

Ich habe noch frohe Erinnerungen an die letzten Kirchfeiertage. Es waren ungewöhnlich viele Besucher auf dem Markt. Viele Händler aus der Stadt waren hier. Sie erzählten vom Bell-Apparat, den der Landesvater Widmark bestellt hatte. Wie kann es nur möglich sein, mit jemandem zu sprechen, der sich an einem ganz anderen Ort befindet. 

Stolz wirkt diese Frau

Eine Tochter erzählt voller Stolz

Es war Vater, der 1888 das Geschäft eröffnete. „J.E. Östlings Leder und Schuhgeschäft“. Als er 1925 starb übernahmen meine Schwester und ich das Geschäft. Nun gibt es viele hier. Auch Cafés, Hotels und Konditoreien. Gammelstad ist wie ein Zentrum geworden, mit Gerichtshaus, Bahnhof und Verwaltung.

Und er? Betet er für den Bau der Kirche?

Der Erzbischof möchte eine Kirche  bauen lassen

Es ist höchste Zeit, dass die Kirche gebaut wird und für mich Jacob Ulfsson Örnfut eine wichtige Angelegenheit. Ich bin Erzbischof im „Großen Stift von Uppsala“ und das obere Norrland ist mir verliehen. Das Volk hat treu Steuern gezahlt. Nun sollen sie das Resultat daraus sehen. Die Kirche soll die größte von ganz Norrland werden. Die Einweihung soll im nächsten Jahr – 1492 – am Tag des Apostel Petrus sein. 

Und was bedeutet: Nachtfreien

Ein Brauch der lange Bestand hatte, war das Nachtfreien. Die Jungen gingen zusammen in Gruppen und machten den Mädchen am Fenster den Hof. Sie lasen einen Reim vor.

Bist du nicht meine Freundin oder Liebste? Oh, ich friere so, lass es mir nicht schlecht ergehen. Oh, ich friere so, lass mich herein ins Warme. Und hast Du ein Herz, lass mich liegen in Deinen Armen.

Das Mädchen bestimmte, ob der Junge für die Nacht hereinkommen durfte und „in ihren Armen liegen“ durfte – natürlich angekleidet.

Mal eine andere Art von Rendezvous

Auch ein Freilichtmuseum gibt es in Gammelstad

Anschließend wandern wir durch das kleine Freilichtmuseum. Zwar hat es offiziell geöffnet, aber die Gebäude sind verschlossen. Touristen? Niemand, nur wir. Und überall Corona-Regeln.

Corona bleibt im Gedächtnis

Von Gammelstad geht’s weiter gen Norden

Über Haparanda geht’s weiter auf der 99. Immer entlang der Finnischen Grenze am Fluss Torneälven. Die Flussauen sind überschwemmt, Häuser gucken nur noch mit dem Dach aus dem Wasser. Ein alter Mann watet an einer schmalen Stelle in Gummistiefel durch den Fluss auf der überfluteten Straße.

Weiter geht’s in den Norden

Wir halten am Fluss, bestaunen die Landschaft. Beobachten den reißenden Fluss. Ein  verfallenes Häuschen mit einer zugewucherten  Einfahrt erweckt meine Neugier.

Zwischenstopp am Torneälven
Ups… aufgebrochen, mir wird mulmig, ist da jemand drin?
Weiter traue ich mich nicht

Irgendwie gruselig. Ich traue mich nicht den Kopf hinein zu stecken. Wahrscheinlich habe ich zu viel Stieg Larsson Krimis gelesen. Der schwedische Autor versteht es, wie kaum ein anderer den Spannungsbogen in seinen Krimis so hoch zu halten, dass ich die Bücher kaum weglegen kann.

Und noch eine kleine Hütte

Hefte liegen ordentlich aufgereiht nebeneinander, allesamt über die samische Kultur. Die Pfanne dazwischen ist sauber geputzt. Am anderen Ende des Tisches steht eine halbvolle Tasse Tee, noch mit Beutel. Es riecht moderig und verbrannt. Im Kamin befindet sich Asche. Wer mag hier gewesen sein?

0rdentlich sortiert
Aber es riecht alt

Der Torneälven

Der Fluss ist nicht nur Grenzfluss zu Finnland, sondern auch der Abfluss des Torneträsk Sees an der Grenze zu Norwegen.

Und das winterliche Eis des Flusses ist heiß begehrt. Aus den Eisblöcken wird das Eishotel in Jukkasjärvi gebaut. Aber auch die Ice-Bars des Spirituosen Herstellers Absolut-Vodka werden daraus modelliert.

Der Grenzfluss zwischen Schweden und Finnland
Nahe der finnischen Grenze
Und noch ein Flussbild

Der Polarkreis

Wir überqueren den Polarkreis hinter Övertornea. Eine ziemlich unspektakülare Sache, wie ich finde.

Am Polarkreis angekommen

Der Magen knurrt. Und bei Svanstein ist für uns heute Schluss. Ein Platz für die Nacht ist schnell gefunden. Die Räder stehen still. Wieder sind wir allein. Nur Brachvögel mit ihrem Trillergesang begleiten den Abend.

Übernachtung am Torneälven
Mahlzeit

Koteletts hatten wir eingefroren, Salat hatte ich im heimischen Garten gepflückt. Robert grillt, ich koche – schnell steht ein leckeres Essen auf dem Tisch. Dazu ein Gläschen Wein. Herrlich. Was wollen wir mehr…

1:00 Uhr – der Himmel färbt sich rot – Zeit schlafen zu gehen, dunkel wird es hier erst einmal nicht mehr

Schweden 2020 – von Gammelstad bis Svanstein

Juni 2020
Schweden 2020 – von Gammelstad bis Svanstein

Beitragsnavigation


2 Gedanken zu „Schweden 2020 – von Gammelstad bis Svanstein

  1. Hi, wie viele Mückenstiche gab es denn dort?
    Als wir in Finnland nicht weit von dort waren, konnten wir vor Mücken
    das Auto kaum verlassen!!
    Aber schön siehts schon aus an dem See.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.