Kyrkstad

An Tagen wie diesen könnte ich die Welt umarmen. Wir sind unterwegs auf dem Vildmarksvägen und besuchen die Kyrkstad Fatmomakke. Es ist der Tag der Mittsommernacht. Das Wetter ist herrlich. Komm mit…

Wo befindet sich die Kyrkstad?

Wir machen einen Sprung vom Muddus Nationalpark auf den Vildmarksvägen. Um genau zu sein, nach Fatmomakke. Das sind ca. 500 Kilometer südwestlich des Nationalparks. Gemütlich brummen wir mit eMANuela dahin.

In Fatmomakke kannst du an der Straße parken. Es gibt aber auch einen Stellplatz sowie einen Campingplatz.

Vom Muddus NP bis Vilhelmina führt die Route über den Inlandsvägen – E 45. Dann geht es rechts ab auf des Schwedens liebste Strasse, den Vildmarksvägen. Weit hinter Saxnäs liegt Fatmomakke – rechts ab – ausgeschildert.

Kyrkstad – was bedeutet das?

Zu Deutsch: Kirchendorf. So bezeichnete man eine Ansammlung von Hütten, Ställen, Zelten und Vorratshäusern um eine Kirche herum. Sie wurden nur bei gelegentlichen Kirchenbesuchen genutzt. 70 Kirchendörfer gab es einstmals in Schweden. 17 sind heute noch erhalten. Am Anfang unseres Schweden-Roadtrips hatten wir Kyrkstad-Gammelstad besucht.

Die Geschichte von Fatmomakke

Bevor wir die Kyrkstad betreten kommen wir an einem Hinweisschild mit Erklärungen vorbei. Auch befindet sich hier ein kleiner Kiosk in dem Du  Nippes, kühle Getränken, Eis und weitere Kleinigkeiten kaufen kannst. Er hat trotz Corona geöffnet. Masken trägt hier niemand.

Bereits vor der Kolonialisierung Lapplands war Fatmomakke ein Treffpunkt der Samen. Um 1780 wurde eine erste „Kapelle“ erbaut. Die Kirchenfeste wurden anfangs nur von Samen besucht.

Wir wandern auf einem Sandweg entlang, queren eine Brücke. Es ist herrlich warm und windstill. Eine weiße Kirche blitzt zwischen den Baumwipfel hindurch. Idyllisch ragen kleine Inselchen aus dem Wasser. Jauchzende Schreie klingen zu uns herüber. Ein Pärchen hat sich in die kühlen Fluten gewagt. Ihr Lachen verklingt über dem See.
Dann taucht ein moosbewachsenes Haus vor uns auf.

Die Kirche der Kyrkstad

Nach der Besichtigung der kleinen Hütte gehen wir hinüber zur Kirche. Es ist mindestens die dritte Kirche die an diesem heiligen Versammlungsplatz erbaut wurde. In dem Buch „Die Dörfer von Vilhelmina“ aus dem Jahr 1941 steht zu lesen, dass die Samen diesen Ort sehr verehrten und Jung und Alt sich danach sehnte hierher zu kommen. Ich kann es verstehen, die Landschaft ist magisch.

Wir treten ein, in die schlichte weiße Holzkirche, die 1881 – 1884 erbaut wurde. Und wenn Du nun einen dunklen Ort erwartest – weit gefehlt.

Ein lichtdurchfluteter Raum tut sich vor meinen Augen auf: weiß getünchte Holzbänke, ein blauer Teppich, ein farblich abgestimmtes Altarbild, eine dezent bunte Kanzel. Die schlichte Pracht macht mich ehrfürchtig. 

Langsam gehe ich über den Teppich und drehe mich um. Von den weißen Bänken blitzen blaue Sitzkissen. Die Balustrade im oberen Bereich der Kirche leuchtet mir freundlich orange entgegen. Ich setze mich für eine Weile und denke an meine Liebsten, die nun vielleicht von oben herunterschauen.

Dann verlassen wir die Kirche wieder. Ich schließe die bunte Tür. Mein Blick fällt auf das Schloss. Der riesige Kirchenschlüssel steckt in einem herzförmigen Blatt.

Kyrkstad
Kyrkstad

The prayer hut of the Kyrkstad

Wir sind eine Ecke weiter gegangen und stehen vor einem hölzernen Zeltbau. Auf einem Schild steht:

Die Heilsarmee hat seit Beginn des 20. Jahrhunderts an den großen Kirchenwochenenden teilgenommen. Fatmomakke ist und bleibt ein guter Ort, um die Worte Gottes zu verbreiten und neue Mitglieder der Kirche zu suchen.

1947 wurde die Gebetshütte gebaut, die von Anna-Lisa Östbetter, bekannt als Lapp-Lisa, bezahlt wurde. Sie war eine Soldatin der Heilsarmee, die 1899 in einem Dorf in der Nähe von Vilhelmina geboren wurde. Lapp-Lisa sang spirituelle Lieder mit Gitarrenbegleitung und tourte damit durch die Region.

Kyrkstad

Lapp-Lisa

Sie sieht symphatisch aus. Wer war diese Frau? Als Anna-Lisa 1904 mit 15 Jahren bei einem Bootsunglück fast ertrank, schwor sie ihr Leben Gott zu widmen. Und so trat sie in die Heilsarmee ein, predigte und sang christliche Lieder bis ins hohe Alter.

Lapp-Lisa verstarb 1974. In Vilhelmina erinnert eine Statue an sie.

Und während ich die kleine „Zeltkirche“ betrete, meine ich Lapp-Lisa singen zu hören. Fremdländische Gesänge, Gitarrenlaute, Schifferklavier. Ich bekomme eine Gänsehaut. Es erscheint so real zu sein.

Kyrkstad

Mittsommernacht in Kyrkstad Fatmomakke

Und tatsächlich, als wir den „Payers Hut“ verlassen dringen Gesänge den Hügel zu uns herauf. Wo mag das herkommen? Wer singt dort? Wir setzen unsere Wanderung durch das Dorf fort. Viele der Häuser sind bewohnt, jetzt zur Mittsommernachtsfeier. Die Holzzelte stehen zur Besichtigung offen.

Die traditionelle Mittsommernachtsfeier

In der Vergangenheit begann die Feier damit, dass sich alle richtig freimachten. Nachdem die Zelte (Koten) und Hütten in Ordnung gebracht und das Holz gehackt worden war, konnten die Spiele und der Spaß beginnen

Fischernetze wurden gesetzt. Traditionelle Ringtänze rund um den Maibaum waren unter jungen Menschen üblich – Tag und Nacht. Aber es musste auch Zeit und Energie für die Gottesdienste geben.

So steht es geschrieben auf einer Tafel neben dem Festplatz.

Kyrkstad
Fatmomakke 1956

Corona & Mittsommernacht

Nicht so in diesem Jahr. Menschenansammlungen sind verboten – danke Corona. Die großen Mittsommernachtsfeiern wurden abgesagt. So werden wir Zeuge, wie hier in der kleinen Gemeinschaft im kleinen Kreis auf Abstand gefeiert wird.

Wir gelangen zu dem traditionellen Festplatz. In der Mitte steht die „Maystang“. Auch wenn es oft mit Maibaum übersetzt wird, bedeutet es „geschmückte Stange“. May bedeutet: mit Blumen schmücken.

Der Platz relativ ist leer. Ein alter Mann sitzt auf einem Stuhl. Zwei Mädchen mit traditioneller Tracht sitzen im Gras. Auch auf den Felsen sitzen Menschen mit viel Abstand. Ein paar Touristen haben sich hinzugesellt. Der Pfarrer sitzt mit kurzer Hose und Hemd auf einer Bank. Eine Frau sitzt vor ihrem Haus. Auch wir setzen uns auf einen Stein.

Musiker stehen unter einem kleinen Pagodenzelt und singen. Sie wechseln sich ab. Immer wieder kommt jemand aus dem Publikum und gibt ein Stück zum Besten. Es wird laut mitgesungen. Fremdländische Klänge, aber auch bekannte Rocksongs klingen durch die Natur.

Es ist herrlich. Der Gesang. Die Sonne. Die Natur. DieStimmung. Die Eindrücke des eben Gesehenen.

Kyrkstad
Kyrkstad

Stekenjokk

Nur schwer kann ich mich von den Gesängen und dem magischen Ort trennen, aber es wird Zeit weiter zu fahren. Die Zeit ist fortgeschritten.

Wir biegen wieder auf den Vildmarksvägen ab. Und während ich noch vom Erlebten schwärme, wird es weiß um uns herum. Die Sonne steht schon tief. Was für ein Anblick…

Stekenjokk: Mehr dazu im nächsten Beitrag.

Schweden 2020 – Kyrkstad Fatmomakke

Schweden, Samstag 20 Juni 2020
Schweden 2020 – Kyrkstad Fatmomakke

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2 Gedanken zu „Schweden 2020 – Kyrkstad Fatmomakke

  1. Welches Erlebnis, diesen Bericht zu lesen. Man ist ergriffen, dieses uns so fremde Leben durch dich erfahren zu haben. Danke Kirsten.

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