Marokko 2019

Einmal Sidi Ifni sehen

Das wollte ich unbedingt. Die ehemalige spanische Garnisonsstadt soll zu neuem Leben erwacht sein, eine Promenade soll entstanden sein und die Häuser sollen einen frischen blau-weißen Anstrich erhalten haben. Es soll ein Surfer Eldorado sein. So steht es in einem Reiseführer.  Aber ist das so? Gespannt bin auch ich auf die Felsentore. Meine Eindrücke vom „Tor zur Sahara“.

Wir starten unseren Tag am Plage Blanche am Atlantik. Dort haben wir neben einer Militärstation übernachtet. Von hier sind es über Guelmim ca. 120 km bis Sidi Ifni.

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Tagesroute – ups, die Pfeile sind falsch eingetragen. Wir sind nicht am Strand entlang, sondern direkt nach Tiznit gefahren.

Auf nach Sidi Ifni

Der Tag begrüßt uns mit grauem Himmel. Es ist schwül warm. Wir wollen frühstücken. „Bringst Du das Brot mit raus“, fragt mich Robert. „Wo hast Du es denn hingelegt“, möchte ich wissen. „Du hast es doch eingepackt“, höre ich von draußen. „Nein“, antworte ich „habe ich nicht„. „Doch“, tönt es genervt zurück. Ich sehe vor mir, wie er die Augen verdreht. Zickenkrieg am Morgen – dann eben kein Brot. Schweigend essen wir ein paar Reste. Das Brot bleibt verschwunden.

Beim Zusammenpacken entdecken wir einen kleinen Rest Brot unter dem Tisch und unseren Topfdeckel. Auf der Rückseite des Stuhles, der über Nacht gekippt am Tisch stand: Pfotenabdrücke.

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Tja, das hat sich der Übeltäter selbst verraten

Ich erinnere ein Scheppern im Halbschlaf gestern Nacht. Robert fällt ein, dass der das Brot in den Topf auf den Tisch gestellt und mit dem Deckel verschlossen hat. Wir müssen lachen. Das war bestimmt ein Fennek, ein Wüstenfuchs. Zähne putzen, einpacken. Morgentoilette schwierig – Felsboden. Die Räder rollen.

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Eine Schafherde kreuzt unseren Weg. Stopp.  So viele Neugeborene, teilweise noch mit Resten der Nabelschnur am Bauch – ich möchte sie eine Weile beobachten
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Wie putzig. Noch unsicher auf den Füßen, versuchen sie Bocksprünge oder kleben Mutter am Rockzipfe

Zurück auf den Asphalt

Wir verlassen die Sandpiste. Weiter geht’s nach Sidi Ifni auf Asphalt. Dazu müssen wir den Reifendruck wieder auf 2,5-2,8 bar erhöhen.

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Robert macht sich an den Reifen zu schaffen und ich sehe mich ein wenig um
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Der kleine Kompressor wird ausgepackt. Er war auf dieser Reise unentbehrlich
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Der Kompressor wir an eine Batterie unter dem Fahresitz angeklemmt
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Reifendruck erhöhen – laut dröhnt der Kompressor durch die karge, menschenleere Landschaft

Ankunft in Sidi Ifni

Nach einem Polizeistopp in Guelmim erreichen wir unser Ziel. Ein freundlicher Smiley empfängt uns mit den Worten: ‚Bringen Sie unsere Strände zum Lächeln‘.

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Clean beaches?

Der Strand sieht verwaist aus. Die Kaffees sind menschenleer. Eigentlich wollten wir hier unser Frühstück nachholen. Wir gehen hinüber zur Strandpromenade. Der Putz bröckelt von den Wänden. Immerhin nicht touristenüberlaufen. Leere Plastikflaschen rollen über den Strand, es ist windig unten am Atlantik. Eine zerbrochene Glasflasche Wodka – ist Alkohol nicht verboten? Ein paar Jungs kicken am Strand. Reste von Fischernetzen sind im groben Sand von Sidi Ifni zu sehen. Wir machen uns auf Entdeckungstour. Es stinkt.

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Unser Landy steht am späten Vormittag einsam auf dem Strandparkplatz
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Die Promenade hat schon bessere Zeiten gesehen. Hinter der Mauer befindet sich ein Camping Stellplatz
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Vereinzelt wandern Marokkaner am Strand entlang
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Die Natur holt sich zurück was ihr einst gehörte, begräbt Scherben und Plastik unter sich
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Fundamente von Häusern, Bauschutt und Müll zieren die Promenade
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Was mag hier einst gewesen sein? Vielleicht ein kleines Kaffee indem man frühstücken kann? Mein Magen knurrt.
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Alle paar Meter ein Eingang ins Nichts..
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Ich drehe Sidi Ifni den Rücken zu. Es ist wunderschön am Atlantik.

 Sidi Ifni damals und heute

Bei der Stadtgründung durch den spanischen General Osvaldo Capaz 1934, bekam die Stadt ihren Namen. In der  früheren Hauptstadt von Spanisch Westafrika lebten einst 15.000 Soldaten mit ihren Familien.  Es gab Theater, Bars, ein Schwimmbad, einen Zoo – was mag daraus geworden sein? 13 Jahre nach der Unabhängigkeit Marokkos 1969, verließen die Spanier Sidi Ifni. Es wurde links liegen gelassen und verkam.

Wir gehen die breite Spanische Treppe vom Strand hinauf in die Stadt. Ein Mann sitzt auf dem Geländer und beobachtet uns kurz. Ich gehe weiter hinauf zu einem blau-weißen Gebäude. Die Häuser sind geprägt vom spanischen Art-Deco-Stil. Mich erinnert es an Griechenland.

Die Altstadt liegt oben

Sidi Ifni liegt auf einem Felsen, der steil zum Meer abfällt. Von hier oben, hinter dem Haus, habe ich einen herrlichen Blick über den Atlantik. Die grauen Wolken des Morgens haben sich verzogen und die Sonne strahlt vom blauen marokkanischen Himmel herab. Misstrauisch beobachten mich Jugendliche, die hinter dem Haus hocken. Rieche ich Hasch? Schnell gehe ich wieder.

Ein paar Häuser sind liebevoll bemalt, beispielsweise eine Surfschule. Aber alles ist geschlossen. In den Hausecken liegen Berge von Blättern. Aus welchem vergangenen Herbst mögen sie stammen? Die Stadt wirkt ausgestorben. Wir beschließen weiterzufahren. Ich bin ein wenig enttäuscht, auch wenn der marode Charme mich doch fasziniert hat. Und wo sind die Felsentore?

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Die Treppe führt hinauf in die Altstadt
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Geschlossen…
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Links im Panoramabild ist der Camping-Stellplatz zu erkennen
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Lediglich ein „Tante Emma-Laden“ hat geöffnet – doch es brennt kein Licht

Weiter geht die Fahrt – Legzira Beach

Als wir am Landy stehen entdecke ich ein Hinweisschild zu einer Toilette. Flugs bin ich verschwunden. Aber genauso schnell zurück. Speiübel ist mir, der Magen knurrt nicht mehr. Die Toilette bekommt von mir den Orden für das widerlichste Klo – schlimmer geht nimmer.

Wir fahren aus Sidi Ifni hinaus und nehmen einen Abstecher zum Strand. Sackgasse. Aber ich gebe noch nicht auf. Die nächste Stichstraße fahren wir wieder hinunter und durchqueren eine kleine Siedlung. Auch diese Straße endet in einer Sackgasse. Aber hier steht ein Marokkaner der uns einweist. Wir halten und steigen aus. Wo kommen all die Menschen plötzlich her?

Eine schmale Treppe führt zum Strand hinab

Die Treppe endet vor mehreren kleinen Restaurants. Ein leckerer Duft marokkanischer Gewürze von verschiedenen Tajine Gerichten weht uns um die Nase. Wider meldet sich der Magen. Aber ich möchte zuerst an den Strand. Befinden sich hier die Felsentore? Weit entfernt sehen wir einen Bogen. Schwarz scheinen die Felsen im Gegenlicht zu sein. Dort möchte ich hin.

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Er hat den Überblick
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Schmale Stufen führen hinunter zum Strand
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Wow – der Atlantik tost wild am Legzira Beach

Die Natur als Architekt

Je näher wir kommen, desto gewaltiger erscheint das Tor zu sein. Wasser und Wind haben den Sandstein geformt. Wie Spielzeugfiguren wirken die Menschen, die darunter stehen. War es eben noch stürmisch und schattig, ist es auf der anderen Seite der Felsen sonnig und windgeschützt. In warmen Rottönen erstrahlt das verbliebene Naturwunder. Denn, den zweiten, größeren Bogen gibt es seit 2016 nicht mehr. Er ist eingefallen. Ein Opfer der Gezeiten des tosenden Atlantiks.

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Noch steht ein Tor – eines ist vor ein paar Jahren eingestürzt
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Der Felsbogen hat gewaltige Ausmaße
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Ich will auch ein Bild vor dem Felsentor

Bei youtube habe ich ein drei minütiges Video von „Morocco Paragliding“ gefunden. Eine Flug über den Strand, als die Felsformationen noch standen – wunderschön.

Der kleine Hunger meldet sich wieder

Wir machen uns auf den Rückweg. Übrigens, wenn Du zu faul bist zu laufen, kannst Du Dir ein Dromedar mieten. Am Strand bieten Marokkaner ihre Dinste mit den Wüstenschiffen an.

Die kleine Reihe mit Restaurants taucht wieder vor uns auf. Wir sehen uns an – Fisch-Tajine. Und während wir nun genüsslich unser doch sehr spätes Frühstück genießen, ziehen wir ein Resümee unserer Stippvisite in Sidi Ifni. Maroder Charme. Mittelmäßiger Strand, heruntergekommene und verdreckte Promenade, geschlossene Geschäfte. Legzira Beach: definitiv einen Besuch und ein Essen wert – nicht überlaufen, obwohl touristisch, besonders besucht von Einheimischen, breiter Sandstrand. Das Sidi Ifni aus dem Reiseführer – die Schönheit am Meer – habe ich nicht vorgefunden.

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Viele Einheimische genießen den Strandbesuch
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Ausritt gefällig?
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Fisch Tajine – die haben wir noch nicht gegessen
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Es duftet verführerisch
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Wir lassen es uns gut gehen

Wir machen uns auf den Weg – bye bye Sidi Ifni

Ein letzter Blick über den Strand.

Und nun? Wo übernachten wir denn heute?  Wir rollem nordwärts. Als wir im Landy den Hotspot anstellen, erreicht uns über WA eine Nachricht von Birgit und Christian. Wir haben die zwei schon auf der Fähre kennen gelernt und uns immer mal wieder getroffen. „Salam aleikum – wo steckt ihr? Sollen wir auf euch warten? Wir haben’s gerad so schön gemütlich.“, schreiben sie.

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Langsam zieht es sich wieder zu – Glück gehabt mit dem Wetter
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Paraglider schweben über den Bergen am grauen Horizont
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Ein typisches Bild in Marokko

Auf nach Agdz ins Dar Quarmar

Inzwischen sind wir in Tiznit. „Wo seid ihr“, möchte ich wissen. Es folgt ein paradiesisches Bild und die Antwort: „Dar Qamar in Agdz“. Schnell haben wir den Ort auf unserem Navi gefunden – 5h 46min. Es ist jetzt 15:21 Uhr. Robert und ich beratschlagen kurz. Dann antworte ich: „Ok, wir treten drauf – Düsenantrieb ist aktiviert.“ Antwort: „Zimmer ist gebucht.“ Na dann, auf geht’s.

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Sonnenuntergang: Eigentlich sollten die Räder nun still stehen

Eine anstrengende Fahrt

Wir wechseln. Ich bin dran. Es wird dunkel. Eigentlich ist unsere Devise: Die Räder stehen still bei Dunkelheit. Heute nicht – Ausnahmen bestätigen die Regel.

Es wird immer voller auf der Straße. Eselskarren. Mofas. Menschengruppen. Was ist hier los? Im nächsten Ort wissen wir was los ist. Ein riesiger Markt. Alt und Jung ist auf den Beinen. Es geht nur im Schritttempo voran oder gar nicht. Lauf pfeifend winken Polizisten und Soldaten die Fahrzeugkolonne durch den Ort. Geduld ist gefragt. Ich sehne mich zurück nach der Einsamkeit der Wüste.

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Buntes Treiben
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Abendlicher Markt
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Kaum ein Durchkommen, Polizei und Militär regeln den Verkehr
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Es wird immer enger auf der Straße
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Puh, raus aus dem Gedrängel

Die Dunkelheit bricht herein

Endlich – raus aus der Stadt, es wird es ruhiger. Trotzdem ist es unangenehm zu fahren. Ständig kommen mir Fahrzeuge auf meiner Spur entgegen oder ich muss Eselsgespanne auf der schmalen kurvenreichen Straße überholen. Dann ist es schlagartig dunkel. Jedes Fahrzeug von vorne blendet auf und hupt. Ich bin genervt. Noch 250km. Es ist ein bisschen wie Mario Kart auf der Wii. Nachtmodus aktiviert, Fahrspaß mit Hindernissen garantiert. Rechtkurve, Linkskurve, eine ausgetrockneter Fluss, Dromedare, ein Loch in der Straße….

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Einöde und Finsternis

Wir haben noch einmal getauscht. Endlich! Unter 100km… noch 50… 10… wir rollen in den Ort Agdz.

Angekommen in Agdz im Dar Qamar

Unser Navi schickt uns in eine schmale Straße mit Lehmhütten. So schmal, dass die Seitenspiegel fast die Häuser berühren. Wir sind da. Birgit und Christian erwarten uns. Das Zimmer ist traumhaft – wie aus 1001 Nacht.

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Absacker zur Nacht
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Eine echte Dusche, man habe ich mich darauf gefreut
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Im siebten Himmel – gute Nacht Marokko

Gute Nacht Marokko – im nächsten Beitrag mehr zum siebten Himmel, in dem wir gerade schweben…

Marokko 2019 – Sidi Ifni, Schönheit am Meer?

Geschrieben März 2020 bereist November 2019
Marokko 2019 – Sidi Ifni, Schönheit am Meer?

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