Schafabtrieb

Schaf müsste man sein – den ganzen Sommer dürfen die Wollknäule ihre Zeit in Freiheit in den Bergen und im Hochland verbringen. Bis zum Herbst, dann ist auf Island Schafabtrieb – Rettir – wir sind life dabei. Und das ist ein ganz besonderes Erlebnis…

Good morning Iceland

Wir starten bei Nieselregen am breiten Strand von Rauðasandur. 614, 612 – Schotterpiste, weiter auf der 62. Wir genießen unsere letzten Stunden in den Westfjorden, was machen schon ein paar Tropfen Regen aus.

Schafabtrieb Island
Guten Morgen Island – wir starten in Raudasandur bei Nieselregen
Schafbtrieb
Von den vier Wochen bleiben uns nun nur noch vier Tage auf Island – 4000 km haben wir seit dem Start in Deutschland auf der Uhr

Dann heißt es „Bye-bye raue Schönheit der Westfjorde“ – über die 60 fahren wir südlich Richtung Reykjavik.

Schafe auf Island

Und die Schafe? Springen wieder munter vor dem Landy her. Sie stört weder Regen noch Sturm. In ihrem dicken Wollmantel sind sie gut geschützt. Und der besteht aus zwei Schichten. Die Deckhaare sind lang und grob, wirken wie ein Regenmantel. Die darunterliegende Unterwolle ist weich und fein und schützt vor Wind und Kälte.

Knapp eine halbe Million Schafe leben auf Island. Und die müssen vor dem Winter alle nach Hause. Unterwegs sehen wir meist nur 3 Schafe, eine Mutter mit ihren zwei Lämmern. In größeren Gruppen sind die Schafe selten unterwegs.

Und wie kommen die Schafe nach Island? Die Wikinger haben sie mitgebracht und die Tiere haben sich über hunderte von Jahren an das raue Klima angepasst. Weiter geht die Fahrt.

Schafabtrieb
Verschiedenfarbige Ohrmarken zieren die Schafe, mal links mal rechts
Schafabtrieb
Das puschelige Wollgras weht im Wind – ich streiche über die weichen Blütenfäden – das Wollgras hat es mir angetan.
Schafabtrieb
Das Wetter kann sich nicht entscheiden. Sonne, Regen, Wolken ständig im Wechsel
Schafabtrieb
Ich genieße die Natur und schiebe sich einschleichende Gedanken an zu Hause, meine erneute OP, an Arbeit, Haus & Garten wieder von mir.
Schafabtrieb
Es klart auf, die Sonne blinzelt durch die Wolken – Zeit für ein Picknick
Schafabtrieb
Stullen und Obst…

Ein Abstecher – Guðrúnarlaug

Wir sitzen wieder im Landy und rollen dem Süden Islands entgegen. Ein braunes Schild weist auf eine Sehenswürdigkeit hin. Ich bin neugierig. Wir biegen auf eine schmale Piste ab – 590. Nach ein paar Kilometern kommen wir an einem Campgroung und einem Hotel vorbei. Ein Schild weist den Berg hinauf. Da muss ich hin. Wir parken. Nach einem kurzen Anstieg stehe ich vor einem HotPot. Schon vor dem Jahr 1000 wurde in dieser heißen Quelle gebadet. Ein Erdrutsch zerstörte 1869 den ursprünglichen Pool. Er wurde 2009 restauriert.

Der erste namentlich bekannt Siedler hier war Osvifur Helgason. Seine Tochter Guðrún Ósvífrsdóttir ist die Heldin einer der ältesten sagen von Island, der Laxdæla saga.

Hier hat sie einst gebadet und der HotPot ist nach ihr benannt: Guðrúnarlaug.

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HotPot in der Natur
Schafatrieb
Das kleine Holzhäuschen ist die Umkleidekabine
Schafabtrieb
Isländische Sagen

Island Schafabtrieb – Rettir

Zurück auf der Hauptstraße (60) stockt der Verkehr. An der Straße parken viele Wagen. Die Menschen sind ausgestiegen und sehen den Hang hinauf. Auch wir halten. Das Brummen des Landys verstummt. Laute Rufe, Gewieher und mehrstimmiges Geblöke dringen an meine Ohren.

Schafabtrieb
Island Schafabtrieb – In der Ferne sind Reiter zu sehen und durch das Blöken der Schafe klingen treibende Rufe hindurch.

Von den Bergen in den Stall

Ich gehe den Hang hinauf bis an den Zaun. Eine Schar Reiter kommt auf mich zu. Verschwitzt, fröhlich rufend, treiben sie die Schafe vor sich her – ich will auch mit. 500.000 Schafe müssen im Herbst aus allen Regionen Islands zurück in den Stall gebracht werden. Sie werden mit Pferden, mit dem Quad, mit Geländewagen und zu Fuß herab getrieben oder gebracht.

Islandpferde mein Traum

Ich bin begeistert von den stolzen, zähen Islandpferden. Ich war es schon immer. Zu gerne würde ich meinen Platz am Zaun mit einer Reiterin tauschen. Schon seit ich reite, war es mein Traum einmal auf einem Island Pferd auf Island zu sitzen und im Tölt zu schweben. Auch bei unserer Reiseplanung war das ein fester Programmpunkt für mich.

Schafabtrieb
Sie kommen näher.

Aber nach einem Armbruch im Mai und einer Operation, bei der mir zu lange Schrauben in den Knochen gedreht wurden, kann ich das Ellenbogengelenk kaum noch drehen. So bleibt der Ritt auf dem Islandpferd für mich vorerst weiter ein Traum.

Ab in den Korral

Ein „Schäferhund“ kommt zu mir an den Zaun, sieht mich kurz an und treibt die am Zaun stehenden Schafe von mir weg, als wollte ich sie klauen. Es ist der einzige Schäferhund den ich sehen kann. Die Schafe sind mit den Hunden nicht vertraut, da sie das ganze Jahr frei unterwegs sind. Sie werden nicht in Herden gehütet wie bei uns in Deutschland.

Schafabtrieb
Der Schäferhund scheucht die sich am Zaun befindenden Schafe von mir weg, zurück zu den anderen.

Schließlich ist die Herde oberhalb der Straße zusammengetrieben. Nun wird die Straße gesperrt und die Rasselbande wird über einen schmaleren abgesteckten Schlauch in einen großen Korral = Gatter getrieben. Es geht ein paar Mal hin und her, bevor die Reiter ihr Werk beendet haben.

Schafabtrieb
Die Straße wird gesperrt

Es hört sich an als wollten die vielen Schafe sich beschweren: „Nicht schon wieder, jedes Jahr das gleiche, immer dieser Streß, wo sind meine Kinder, nun hetzt mich nicht….“

Und dann heißt es erst einmal absatteln und die Pferde versorgen. Auch die Reiter sind durstig. Während die Pferde sich genüsslich auf dem Rücken auf der Wiese wälzen, zischen die Bierdosen beim Öffnen und der „schwarze Tod“ macht die Runde. So nennen die Isländer ihr Nationalgetränk, den Brennivín.

Schafabtrieb
Langsam beruhigen sich alle, es wird leiser.

Das Sortieren der Schafe

Island Schafabtrieb – nach einer Pause geht es weiter. Von einem großen Vorplatz werden die Schafe nach und nach in ein kleineres Gatter getrieben. Von diesem Korral gehen sternförmig weitere Gatter ab.  Der Korral ähnelt von oben einem Kuchen mit Tortenstücken und einem Kreis im Zentrum. Jeder Landwirt bekommt hier ein „Tortenstück“ um seine Schafe zu sammeln.

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Schließlich findet sich auch wieder was zusammen gehört
Schafabtrieb
Jeder Landwirt hat seinen zugewiesenen Pferch.

Dann geht es los. Groß und klein gehen hinein in den Mittelkorral, um die eigenen Schafe einzeln herauszufischen. Das Schaf wird von hinten an den Hörnern gepackt und zwischen die Beine geklemmt. So wird es weggeführt. Dicke Hosen und Handschuhe minimieren blaue Flecken, denn die störrischen Vierbeiner wehren sich. Von den wogenden Schafwellen wird auch schon mal ein Kind umgerannt und landet im Matsch.  Sind alle Schafe weg sortiert im kleinen Rondel, wird aus dem großen Gatter nachgetrieben. Das Prozedere zieht sich über den ganzen Nachmittag.

Schafabtrieb
So manches Schaf kann fliegen.

Réttir – Volksfeststimmung

Das Sortieren ist ein geselliges Beisammensein, eine Tradition, die  seit über 1000 Jahren gepflegt wird. Nachbarn treffen sich, die sich lange nicht gesehen haben. Neuigkeiten werden ausgetauscht, ein Schwätzchen gehalten beim Schafe sortieren. Im Anschluss gibt es reichlich gutes Essen, den Rettir-Eintopf Kjötsúpa und natürlich reichlich Brennivín. Der Eintopf wird aus Lamm, Zwiebeln, Möhren, Kartoffeln und Weißkohl gekocht.

Schafabtrieb
Auf geht die Jagd.

Island Schafabtrieb – nachgefragt:

Ich stehe am Gatter und sehe dem Treiben gebannt zu. Neben mir auf dem Gatter sitzt eine ältere Dame mit dem typischen Isländerpulli. (Wahrscheinlich ist die ältere Dame nicht älter als ich 😉 ) Wir kommen ins Gespräch. „Heute Morgen haben wir angefangen die Schafe mit Pferden herunter zu treiben“, erzählt sie mir. „Nun sammelt jeder seine Tiere heraus, verlädt sie und bringst sie nach Hause.“ Sie streicht dem lütten Jungen auf ihrem Schoß über das flachsblonde kurze Haar. Er hat rote Bäckchen vom Herumtollen, sein Hände sind dreckverschmiert. Er sieht glücklich aus.

Auf meine Frage, wie und wo die Schafe den Winter verbringen antwortet sie. „Die Lämmer kommen direkt ins Schlachthaus. Die restlichen Schafe kommen, wenn es zu schneien beginnt in den Stall und werden mit Heu gefüttert.“

„Und wann werden sie geschoren“, möchte ich wissen. „Im November ist die große Schur“, antwortet sie mir. Ich möchte wissen, ob der Schafabtrieb immer an einem bestimmten Tag beginnt. „Nein“, antwortet sie mir und pflückt einen Grashalm mit Samen ab. Sie zeigt auf den oberen Teil des Halmes, bricht ihn ab und zeigt auf das Schafsfell. „Wir wollen verhindern, dass  die Gräsersamen in das Fell gelangen, die Wolle sauber bleibt.“ So schließe ich, dass der Abtrieb vor der Reife der Gräser beginnt.

„Und wann dürfen die Schafe wieder hinaus?“, frage ich.“Wenn die Lämmer alt genug sind und es wieder grün wird auf der Insel, dann werden die Tiere mit Anhängern ins Hochland gebracht – meist Anfang/Mitte Juni“, klärt sie mich auf. Da schließt sich der Kreis.

Time to say goodbye

Und für uns wird es Zeit weiter zu fahren. Aber erst möchte ich noch einmal zur Weide mit den Islandpferden. Ich verabschiede mich von meiner netten Gesprächspatnerin und wir gehen los. Island Schafabtrieb, dort würde ich gerne aktiv teilnehmen.

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…und während sich die einen abmühen, turteln die andern im Gras…
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Die Islandpferde haben Pause.
Schafabtrieb
Alle Jahre wieder…

Was für ein Kontrast

Wir tanken für 217 ISK = 1,62 € in Borganes. Das war mega günstig! Wir haben auch schon für über 1,70 € getankt. Hier endet die 60  auf der Ringstraße. Noch 76 km haben wir heute vor uns.

Eben noch in der Natur – jetzt zwischen Hochhäusern. Wir sind in Islands Hauptstadt angekommen, der nördlichst gelegenen Hauptstadt der Welt – hello Reykjavik. Das bedeutet übrigens Rauchbucht und stammt wohl von den vielen heiß dampfenden Quellen in der Umgebung. Es ist Abend. Zeit den Campingplatz aufzusuchen.

Reykjavik ahoi – da wären wir.

Reykjavik Campside

Direkt an einem Stadion liegt der Campingplatz von Reykjavik. Mir gefällt er gar nicht. Zu groß, zu voll. Wie ein Durchgangslager. 2.400 ISK = 18 € dürfen wir pro Person bezahlen. Strom kostet auch hier 1.000 ISK extra. Den benötigen wir allerdings nicht. Geöffnet ist die Einrichtung von Mitte April bis Mitte Oktober.

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Campkitchen in Reykjavik
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Mal wieder Zeit für einen Blogbeitrag
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Gute Nacht aus Reykjavik

Es beginnt zu regnen und wir verziehen uns in unseren Landy. Ich schreibe meinen nächsten Blogbeitrag, während Robert oben schon schlummert…

September 2018
Island Schafabtrieb – Rettir ein besonderes Fest

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3 Gedanken zu „Island Schafabtrieb – Rettir ein besonderes Fest

  1. Wieder ein toller Beitrag mit sehr schönen Aufnahmen liebe Kirsten. Dass Du leider nicht reiten konntest wegen deinem Arm ist sehr schade. Wir drücken die Daumen, dass das wieder behoben wird und dann alles wieder richtig funktioniert. Es macht immer wieder Spaß deine Beiträge zu lesen, immer tolle Informationen enthalten. Danke fürs Mitnrhmrn auf diese kleine Reise und bis zum nächsten Beitrag.

    Liebe Grüße, Sylvio

  2. Als ich dein Foto mit dem Wollgras gesehen habe, dachte ich zuerst, die Schafe haben etas von ihrer flauschigen Wolle verloren. Schön, dass du auch einen kleinen Video-Schnipsel dabei hast. So wirkt alles, trotz toller Fotos, noch viel lebendiger. Gern hätte ich auch ein kurzes Video von dem riesigen Wasserfall gesehen und eurem Abenteuer auf Geröll an der Meeresküste. Für einen guten Ausgang deiner OP drücke ich beide Daumen!!

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