Vestfirðir

Heute werde ich Dir über meine persönlichen Highlights aus zwei Tagen Vestfirðir berichten. Einsame Orte, spannende Tiererlebnisse, eine skurrile Übernachtungsmöglichkeit, HotPots, Offroad durch die Westfjorde, Sagen und Nordlichter, lass Dich entführen…

In Gedanken – Vestfirðir

Bewegt hat mich dieses Schild am Wegesrand. All dies und noch viel mehr, das sind die Westfjorde – Vestfirðir.

Irgendwo auf dem Weg in den Vestfirðir

Die Räder rollen hinauf in den Vestfirðir

Vom Kollafjørður im Osten, bis zum Gilsfjörður im Westen sind es gerade einmal 15 Kilometer. Das ist die schmalste Stelle der Westfjorde. Ich fahre auf der 68 am Kollafjørður entlang und folge dann weiter der 61 Richtung gen Norden. Ich halte an einer kleinen Kirche. Hier hat einst der Geistliche Jón Steingrímsson seine Predigten gehalten. Er war bekannt für seine „Feuerpredigten“. Am Sonntag, dem 20. Juli 1783, predigte er trotz eines auf die Kirche zufließenden Lavaflusses. Während seiner Predigt versiegte der Lavastrom vor der Kirche.

Westfjorde: Prestbakki – eine kleine Kirche direkt am Meer
Schotterpiste durch die Westfjorde
Kleiner Abstecher hinunter zum Strand – hast Du Robert entdeckt?
Einsam am Fluss – ich hocke mich auf einen Felsen und genieße die Natur
Ich weiß nicht, ob ich die Beeren essen kann – ich vermute es sind „Schwarze Krähenbeeren“
Interessanter Pilz, weiß Du wie er heißt?

Ein Platz für die Nacht

Heute wollen wir früher rasten. Robert hat einen Campingplatz gefunden, der an ein Hotel mit Schwimmbad und HotPot angegliedert sein soll. Ein Restaurant soll es auch geben. Wir freuen uns auf einen netten Abend.

Das Schild verspricht was Robert mir gerade vorgelesen hat, ich biege ab.
Aber das Hotel……ist wohl ein wenig in die Tage gekommen
Ups, das ist das angepriesene Schwimmbad

Wir sehen uns an. Weiter geht’s. Über die 633 erreichen wir Heydalur. Wir halten und gehen in das Restaurant zur Anmeldung. Hinten im Halbdunkel begrüßt uns eine ältere gebückte Dame, ein Papagei ruft uns von dem Platz auf seinem Käfig etwas aud isländisch zu.

Der Alleinunterhalter im Saal – Telefonklingeln ist seine Spezialität

Eine etwas skurrile Unterkunft: Heydalur

Wir bleiben, buchen für eine Nacht. Die sanitären Anlagen sind nicht besonders sauber, Campkitchen Fehlanzeige. Der Platz für „Camper“ befindet sich in einer Senke nahe eines Flussses. Er ist aufgeweicht und matschig. Gummistifel wären nicht schlecht.

Vestfirðir
Westfjorde: Heydalur-Camping

Wir schnappen unsere Badeklamotten, wollen in das Schwimmbad und den HotPot. Ich öffne eine Tür, auf der des zum Schwimmbad gehen soll. Der Kater hinter der Tür hat sich wohl genauso erschrocken wie ich. Ein Verschlag aus Holz und Wellblech, warme Luft schlägt mir entgegen. Mein Blick geradeaus, fällt auf eine Reihe Sättel.

Und wo ist der Pool?

Hinter einem Baum wende ich meinen Blick nach links.

Da ist der Pool…

Draußen vor dem Schwimmbad befinden sich „Umkleidekabinen“. Eine Holzbank, Kleiderhaken aus Hufeisen, eine nicht funktionstüchtige Dusche.  Ab in den HotPot – 40 Grad – man reiche mit Wein & Trauben. Reichlich aufgeweicht und inzwischen auch hungrig entsteigen wir der heißen Naturbadewanne.

Vestfirðir
HotPot in Heydalur
Bordeauxfarbene Tischdecken und Tischtennisplatte im Restaurant
Am Abend gehen wir essen: Lammeintopf mit Bananen – MEEEEEGA lecker, auch die Fischsuppe vorweg war klasse.

Am nächsten Morgen…

…rollen die Räder um 9:20 Uhr weiter. Die Wolken schweben tief durch die Hänge, geschätzt sind es 12 Grad. Wir umrunden den Mjóifjörður auf der 633 und kehren dann auf die 61 zurück. Enten tauchen nach Nahrung, hinterlassen im fast windstillen Fjord gleichmäßige Kringel. Kormorane stehen reglos auf den Felsen, um sich trocknen zu lassen.

Wir umrunden den Fjord auf der 633, ein typisches Bild: Schafe und Heuballen, vor grauem Himmel
An dem HotPot hängt ein Schild. Zwei Kilometer weiter auf dem nächsten Gehöft kannst Du anfragen, wenn Du ihn nutzen möchtest.
Kormorane, die eleganten Taucher, trocknen ihr Gefieder

Vestfirðir: Alte Gespenstergeschichten

Es ist ein kaum zu beschreibendes Gefühl hier zu sitzen. Stille. Alles um mich herum ist vergessen. Ich bin dankbar hier zu sitzen. Ich bin dankbar die Natur so erleben zu dürfen. Mystisch sieht es aus. Dort hinten liegt Snæfjallaströnd – die Sonne strahlt das Schneefeld an. Die Gegend ist kaum noch bewohnt. Das raue Klima ist schuld. Meine Gedanken schweifen zu einer Geschichte, die ich gestern Abend spät in „Schauplätze Isländischer Sagen“ gelesen habe.

Sonne und Wolken spiegeln sich im Wasser – ich bin mal wieder hin und weg

Einst lebten dort drübern Menschen in einem kleinen Dorf: Snæfjallastadur. Nachdem Pfarrer Jons Sohn zu Beginn des Winters um 1588 nicht wieder zurück kehrte, als er Schafe Heim treiben sollte, begann es. Die Leiche wurde nicht gefunden, aber ein Gespenst erschien. Der böse Geist spielte denen, die in den Hängen unterwegs waren, durch Steinwurf übel mit, zerschlug Fenster, tötete Schafe und aß die Wintervorräte an getrocknetem Fisch auf. Erst die Beschwörungsformel eines befreundeten Pfarrers 30 Jahre später half. Das Gespenst versank in die tiefsten finstersten Unterwelten. Dort wo einst die Kirche stand, steht heute ein Gedenkstein.

Litlibær (= kleiner Hof)

Genug geträumt, die Räder rollen weiter auf der 61. Fast an der Spitze zwischen Hestfjörður und Seyðisfjörður erregt ein Schild mit einem kleinen Haus unsere Aufmerksamkeit. Wir gegen hinein.

Die Einladung nehmen wir gerne an – Pause in Litlibær
1895 wurde die kleine Farm errichtet

Ich komme mir vor wie bei Gullivers Reisen. Die Hütte ist winzig und selbst ich, mit meinen 178 cm stoße mir den Kopf, wenn ich ihn nicht einziehe. In dem kleinen Haus sind verschiedenste Exponate aus dem Leben von damals in kleinen Vitrinen ausgestellt. Eine ältere isländische Dame (Sigríður Kristjánsson) bringt uns den bestellten Kaffee und eine Waffeln mit isländischer Rhabarber Marmelade und Sahne (1.700 ISK). Ich sag Dir, das schmeckt mega.

Auf meine Frage wer hier einst wohnte, beginnt sie zu erzählen: „Auf der kleinen Farm wohnten zwei Familien, jede in ihrer Hälfte. Zeitweise waren es 20 Personen die hier lebten. Das Haus, knapp 30m², ist aus Holz und Stein erbaut worden, mit einem Rasendach. Draußen gab es noch zwei Küchenhütten. Später, nach 1917, wohnte hier nur noch eine Familie. Die meines Mannes (Kristján Kristjánsson) ist geblieben.“ Die Familien lebten hauptsächlich vom Fischfang, stellten Salzfisch her und wurden in Goldmünzen bezahlt.

Wenn Du hier vorbei kommen solltest, eine kleine Pause lohnt sich.

Vestfirðir: Hvítanes

Wir kommen nur eine paar Hundert Meter weiter, dann fällt uns ein großer Parkplatz auf. Wir halten wieder, denn es soll hier irgendwo Robben geben. Auf einem Tisch steht eine Plastikkiste mit einem Fernglas und Marmelade. Und das hat Kristján hier deponiert. Die Ferngläser zur Robbenbeobachtung und die Marmelade, die Sigríður gekocht hat, zum Verkauf.

Wir haben sie Yogarobbe getauft

WOW und dort im Fjord auf Felsen und kleinen Inseln spielen Robben. Sie räkeln sich faul, schaukeln munter herum, springen durch das Wasser, tauchen und schießen wieder hervor. Sie sind sooooo putzig anzusehen, es macht Spaß sie zu beobachten. Leider müssen wir weiter, ich könnte noch viel länger hier sitzen bleiben.

…und noch ein Wasserfall

Delfine? Nein Wale, Wale!

Unverhofft erscheinen Sie, wie aus dem Nichts. Es sind Wale! Sieh hin. Sieh nur. Mein Puls schlägt höher. Ich bin aufgeregt. Wie ein kleines Kind zu Weihnachten hüpfe ich hinunter bis an den Fjordrand. Wir stehen fast an der innersten Einbuchtung des Seyðisfjörður.

Minkwale ziehen gemächlich durch den Fjord, sieben bis zehn Meter lang werden sie.

Sieh! Dort tauchen sie wieder auf. Stöhnend hört es sich an – prustend und stöhnen – wenn die Meeresgiganten durch das Wasser gleiten. Es sind zwei Schulen mit jeweils 6 Walen. Wir flitzen zum Landy und fahren um die Biegung des Fjordes herum, halten nach kurzer Zeit wieder. Die Minkwale drehen am Ende des Fjordes und kommen wieder auf uns zu.

Dort blasen sie…

Was für ein Anblick. Was für eine Anmut. Inwischen sind wir nicht mehr alleine, die Zuschauer haben sich vermehrt.  Die Zwergwale ziehen an uns vorbei – majestätisch – wir schauen ihnen nach, bevor sie in der Tiefe verschwinden. Ich erinnere gerade noch, ein paar Schnappschüsse zu machen.

Vestfirðir: Polarfuchzentrum

Vorbei am Aussichtspunkt Kambsnes, gelangen wir noch immer auf der 61 fahrend, nach Súðavík. Hier möchte ich unbedingt in das Polarfuchszentrum. Es befindet sich mitten im 150-Seelendorf an einem Hang, ist gut ausgeschildert.

An der Kasse sitzt ein Isländer in einem Strickpullover. Wir zahlen den Eintritt von 1.00 ISK pro Person. Dann frage ich den jungen Mann nach der Geschichte des Hauses. Er erzählt: „Ich bin hier aufgewachsen, mein Großvater hat hier nebenan gewohnt. Dieses Haus hätte keinen weiteren Winter überstanden“. Und wenn ich ihn richtig verstanden habe, wurde nach dem Tod des Großvaters, das Polarfuchszentrum mit Hilfe von Gemeindegeldern in dem 120 Jahre alten Haus errichtet.

Im Polarfuchszentrum

Das Zentrum ist recht klein, aber sehr informativ. Es zeigt die Geschichte des Kampfes, die der Mensch seit über 1.100 Jahren gegen den Polarfuchs führt. Für den kleinen Hunger gibt es Kaffee und Kuchen, Suppe mit hausgemachtem Brot und Bier.

Zwei Füchse leben in einem Gehege am Polarfuchszentrum

Es beginnt zu regnen, der isländische Nieselregen gibt ein „Stelldichein“. Die Schafe stört es nicht. Wir steigen schnell ein und weiter getf die fahrt durch die Vestfirðir.

Should I stay or should I go… sie flüchten

Vestfirðir: Ísafjörður

Noch einmal fahren wir um eine Landspitze herum und gelangen an den Skutulsfjörður. Ganz an der Innenspitze des Fjords befindet sich Ísafjörður. Dort wollen wir heute übernachten.
Und ganz ehrlich, das waren heute so viele tolle Eindrücke, ich weiß schon gar nicht mehr wie der Tag begann. Ísafjörður werden wir morgen besichtigen.

Etwas im Inneren des Landes befindet sich der Tungudalur Camping Ground, (GPS Points N66° 3′ 36.109″ W23° 12′ 19.511″) malerisch gelegen unterhalb eines Wasserfalles.

Gerade ist es trocken und so kochen wir draußen, gegessen wird in der warmen Campkitchen.

Es gibt isländisches Lamm mit Reis & Broccoli

Privatkonzert am Abend

Aber der Tag hat noch ein weiteres Highlight für uns parat. An der Wand hängt eine Gitarre, darunter steht ein Text: „…feeling inspired,  play a tuner or two“. Herein kommt ein Mann mit einem wettergegerbten Gesicht, wasserblauen Augen, Adlernase und einem grauen Bart. Er trägt „Bonus-Tüten“ mit Nahrungsmitteln.

Er greift sich die Gitarre, klimpert ein bischen herum und beginnt zu singen. Mit einer tiefen rauchigen Stimme singt er wehmütig von dem „Girl von Cisco … „I wanted to sattle down„. Seine schlanken Finger fliegen über die Gitarrenseiten. Er singt weiter, davon „dass seine Asche an den Bahnschienen verstreut werden soll„. Während die rauchige Stimme noch ein wenig tiefer wird, öffnet sich die Tür und Frau mit grauen nassen Haaren kommt herein….“damit er die Züge hören kann„. Sie kämmt ihre Haare mit einem kleine Kamm und knotet einen Zopf, sieht ihn liebevoll an und sagt: „Sing something happy“.

Während sie Zwiebeln und Knoblauch schneidet, singen die zwei im Duett-Jazzblues. Die Campkitchen hat sich inzwischen gefüllt. Tschechen, Franzosen, Engländer, Schweizer, Deutsche plaudern in fröhlicher Runde über Erlebtes und den Traum Nordlichter zu sehen.

Steven aus Kalifornien ist zum Jazzfestival in Reykjavik angereist.

Juppiiii – Nordlichter

Ich bin hundemüde. Nun, aber ab in den Landy. Der Himmel ist sternenklar, die Sonne schickt noch ein wenig orange Strahlen – hach, was war das für ein toller Tag. Wir liegen kaum oben, da bollert es an unserem Landy: “ Kommt raus, Nordlichter!“ Ich kann es kaum fassen. WOOOOOW, ich könnte heulen vor Glück. Über uns tanzen Nordlichter.

Vestfirðir
Daaaaaa, daaaaa, tanzen sie über den Himmel

Erst in einer langen Linie über den gesamten Himmel, dann formen sie sich zu einer riesigen Schnecke und tanzen über dem Sonnenuntergang. Ich bin zu aufgeregt meine Kamera einzustellen, möchte dem Moment nicht verpassen – Robert hat sein iPhone dabei…

Vestfirðir
Sie tanzen über dem Sonnenuntergang

Beseelt steigen wir nach dem Schauspiel in unsere Schlafsäcke zurück…

Good night Island – good night wonderful Vestfirðir

September 2018

Der Roadatlas „Kortabók Autoatlas Island 2017-2018″

Der Roadatlas leistet uns täglich gute Dienste. Praktisch mit Spiralbindung, kannst Du die Seiten umschlagen, umständliches „Kartengefalte“ fällt weg. An allen Seitenrändern sind die Anschlußkarten mit Seitenzahlen ausgewiesen, auch die Koordinaten sind vermerkt. So konnten wir anhand der Koordinaten des GPS Gerätes immer unseren genauen Standpunkt auf der Karte ermitteln.

Island – Roadtrip Vestfirðir

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6 Gedanken zu „Island – Roadtrip Vestfirðir

  1. Noch so eine Wal-Verrückte 🙂

    Das sind allerdings keine Minkwale/Zwergwale sondern Schweinswale, isländisch Hnísa, englischHarbour porpoise, bin fast zu 99.7 % sicher.
    Die Isländer, zumindest die Fischer hier in Höfn nennen die allerdings umgangssprachlich dvergurhvalur, (der kleinste Wal, kein Delfin oder Tümmler) was übersetzt Zwergwal bedeutet, so kommt’s doch schon mal zu Verwechslungen. Er Isländer, sehr gut englischsprechend, Ehefrau Lehrerin für Englisch und Französisch mit rudimentären Deutsch-Kenntnissen aus der Kindheit, und zack wurde mir so ein Walchen als minkwhale präsentiert. Die sind auch auf der 5-Kronen-Münze abgebildet.
    Bei den Krähenbeeren hast du recht, es gibt im Norden allerdings nur schwarze, von Pilzen hab ich keinerlei Ahnung, ich kauf Pilze im Supermarkt, aus „Sicherheitsgründen ;-).

    Bis denne mal wieder

    Werner

    1. Moin Werner, jaaaa Wal-Verrückte stimmt 😉 tatsächlich hat uns ein Fischhöndler (kommt im nächsten Beitrag)in Ísafjörður gesagt es sein ein Zwergwal und hat ihn uns auf einem Plakat gezeigt. Aber auf welchen er gezeigt, hat weiß ich nicht mehr. Zwergwal ist hängengeblieben.
      Danke Dir und ich werde gleich meine Wal-Bilder noch einmal genau imspizieren, besonders die „Schnauzen“.
      Viele Grüße aus der alten Heimat
      Kirsten

      1. Moin Kirsten

        jo, Tiernamen eins zu eins übersetzen aus einer fremden Sprache ins Deutsche ist so eine Sache. Bei Fischen gehts fast immer! schief. Ich hätte da etliche Beispiele für falsche Namen, direkt übersetzt aus englischen Speisekarten und dann im Netz veröffentlicht.
        Im Zweifel hilft wikipedia weiter.

  2. Tolle Eindrücke! Hättest du die Reisenden in der „Soul-Kitchen“ später nicht erwähnt, hätte ich gedacht, ihr seid ganz allein in dieser schroffen Gegend. Kein Wunder, dass es da so dünn besiedelt ist! Nachdem ich deine Fotos gesehen habe, kann ich mir gut vorstellen, dass es da nur so wimmelt von Fabelwesen und alten Sagen. Bestimmt war es ein tolles Erlebnis Polarlichter mit eigenen Augen zu bestaunen.

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