Latrabjarg

WOW – 14 km Steilküste fallen 400 m senkrecht ab in den Atlantik, Begrenzungen gibt es nicht. Im heutigen Reisebericht gibt es Informationen und Reisetipps rund um den Vogelfelsen und die nähere Umgebung – Island Latrabjarg

Morning has broken…

Der Morgen ist wolkenverhangen. Heute wollen wir zum westlichsten Punkt Europas fahren. Ein wenig Sicht wäre dafür nicht schlecht. So besuchen wir, in der Hoffnung auf Wetterbesserung, erst einmal das Monstermuseum in Bildudalur.

Eindrucksvoll werden wir in dem kleinen liebevoll hergerichteten Museum über Monsterarten aufgeklärt und erfahren in Bild, Wort und spielerisch, wie sie heißen, wo sie leben und was für Untaten sie begangen haben. Oder vielleicht noch begehen werden, wer sagt, dass sie ein Märchen sind? Viele Isländer haben schon Monster oder Seeungeheuer gesehen – sagen sie.

Bildudalur Monstermuseum
Die Texte im Museum sind teilweise auch in deutscher Sprache wiedergegeben.

Da wir alleine im Museum sind, bleibt Zeit für eine Unterhaltung mit der jungen Isländerin, die hier arbeitet. Auf die Frage, wo es ihr am besten gefällt antwortet sie: „Hier, hier in den Westfjorden, hier bin ich aufgewachsen. Hier wohnt meine Famile, schon immer.“ Stolz fährt sie fort: „Der Freund meines Opas war Kletterer in den steilen Felsen von Latrabjarg. Er hat dort Puffineier gesammelt„. Sie verrät uns ihren Lieblingsort am Strand…. und das soll auch ihrer bleiben.

Anzeige: Ich stöbere noch in dem kleinen Museumsshop und kaufe mir ein Buch: Icelandic Folk Tales. Ein Reiseführer zu Geistern, Elfen und Unholden aus isländischen Volkssagen. Nach einer kurzen Beschreibung des Ortes und der Umgebung, folgt die Volkssage dazu – sehr spannend.

Als wir aus dem Museum herauskommen hat es sich aufgeklart. Wir starten nach Latrabjarg.

Island Latrabjarg – der Weg dorthin

Garmin Base Camp
Der heutige Streckenabschnitt

Unser Landy trägt uns über die 63 in Richtung Südwesten. Ab Patreksfjördur fahren wir die 63 weiter, rechts ab, geht es auf der 612 um den Fjord herum.

Die Garðar BA 64

Nach kurzer Zeit taucht ein Schiffswrack vor uns auf. Seit 1981 liegt das Wrack hier am Strand. Als das einstige Walfang- später Heringsfangschiff nicht mehr als seetauglich galt, wurde es an den Strand geschleppt. Da steht es nun. Das älteste Stahlschiff Islands ist zur rostenden Industrieruine geworden. Und so wie auch wir, halten viele Touristen um es zu fotografieren.

Das Schiff wurde 1912 in Norwegen als Walfänger fertiggestellt
Nun grünt es überall auf dem Schiff.

Aber nicht nur das Schiff verfällt. Auf unserem Weg über die Insel sehen wir Häuser und Schuppen, Landys und Lkws, die in der Landschaft verfallen.

612
Immer wieder sehen wir kleine verfallene Häuschen am Fjord

Ein Stückchen weiter die nächste Ruine. Und was es nun mit diesem Wrack auf sich hat? Ich weiß ich nicht.

Wundervolle Natur

Wir halten hier und dort und staunen einmal mehr über die unberührte Natur. Auf der Sand- und Schotterpiste nach Latrabjarg passieren wir Buchten wie aus dem Bilderbuch und sehen hinaus auf den unendlich erscheinenden Atlantik.

…mal wieder ein Ort an dem ich Stunden sitzen könnte, um auf das Meer hinaus zu sehen. Vielleicht schwimmt ja ein Wal vorbei oder ein Eisberg treibt heran?
612
Türkises Meer und weiße Strände habe ich auf Island nicht erwartet.
612
Eine Kilometerweite Sand- Dünenlandschaft erstreckt sich entlang der 612

Auf der anderen Seite des Fjords

Wir fahren quer durch das Inland und gelangen an einen traumhaften Sandstrand mit Lavafelsen. Die Bucht von Latravik. Es ist warm. Hier weht kaum ein Lüftchen.

Etwas unromantisch – aber Mädels und Jungs, wer eine schwache Blase hat – hier gibt es ein Toilettenhaus. Scherz beiseite, Du solltest es nutzen, denn oben an dem Parkplatz der Klippen gibt es keine sanitären Anlagen.

….dort hinten, ist Europa zu Ende.

Island Latrabjarg wir sind da

Es geht noch ein paar Mal um die Kurve, dann sind wir da. Ein kleiner Leuchtturm kommt in Sicht. Der Leuchtturm vom Kap Bjargtangar. Hier beginnen die Vogelfelsen.

Geologisch gesehen, stehen wir nicht am westlichsten Punkt Europas, sondern befinden uns schon in Amerika. Unter uns befindet sich die amerikanische Kontinetalplatte.

In der Nähe des Leuchtturmes steht dieses Schild – hier ist Europa zu Ende (ok, bis auf ein paar kleine Inselchen, Grönland und die Azoren)

 

Hier im unteren Bereich sind die Klippenkanten mit Bändern begrenzt im oberen Bereich gibt es keine Begrenzung mehr.

Wir marschieren los. Eine Begrenzung im unteren Teil der Klippen markiert, wie weit Du Dich der Kante nähern darfst.

Erst durch die Menschen an der Kante wird auf einem Bild erkennbar wie gewaltig der Felsen ist.

Die Papageientaucher sind fort. Die Lummen sind fort, auch Tordalken kann ich nicht entdecken. Die Möwen haben das Vogelhochaus nun fast für sich. Ein paar Kormorane ziehen noch ihrer Wege.

Aber, das war uns vorher bekannt. Wenn Du wegen der Vögel hier her kommst, solltest Du zur Brutsaison vor Ort sein. Während tagsüber meist gejagd wird, kehren gegen Abend alle zurück in ihre Nester.

Die Brutzeit der Puffins ist von Mai – Juni. Im Spätsommer, je nach Wetterlage verlassen sie Latrabjarg.

Wenn ich sehe, wie die Wellen sich entfernt der Klippen, auf kleinen hervorstehenden Felsen brechen, kann ich mir gut vorstellen, dass hier ein Schiff leicht auflaufen kann – besonders bei Nebel und Sturm.

Im oberen Teil der Klippe gibt es keine Begrenzung. Böiger Wind weht über die Steilklippen. Papageientaucher haben bis dicht an die Kante ihre Bruthöhlen gebaut.  Teilweise ist die Klippenkante löchrig wie ein Schweizer Käse.

So bauen die Papageientaucher

Die Puffins graben eine Röhre von ein bis eineinhalb Metern in die Erde, sofern sie keine vorhandene nutzen. Am Ende befindet sich die Nestkammer mit bis zu 40cm Durchmesser. Der Eingang kann schon mal einen Durchmesser von bis zu 50cm haben. Dass eine, von 100derten von Vögeln so bearbeitete Kante abrechen kann, sagt der gesunde Menschenverstand. Ich habe Respekt, halte Abstand.

Wie ein großes Vogelhochhaus sieht die Klippe aus – Stockwerke mit kleinen Brutfenstern und alten Nestern – Vogelkot überall.

Spektakulär ragen die Klippen über eine Länge von 14km bis 400m in die Höhe. Doch kein Foto der Welt ist es wert, dafür zu sterben. So manch Touristen scheint nicht darüber nachzudenken. Sie posen an der Kante, klettern ein Stück hinunter oder robben gewagt an und über den steilsten Abhang. Mich macht das wütend – ein wenig Respekt vor der Natur bitte! Muss denn erst überall ein Geländer gebaut werden? 2010 stürzte ein deutscher Tourist beim Fotografieren in den Tod – 60 Personen waren an seiner Bergung beteiligt.

Wir machen uns auf den Rückweg.

Dort liegen 2 Personen auf der Kante.

Ein wenig isländische Geschichte gefällig?

Dezember 1974 – Der englische Fischkutter „Dhoon“ geriet vor der Steilküste in Seenot. Isländische Männer aus der Umgebung zogen mit Seilen los, als sie der Notruf über Reykjavik erreichte. Sie halfen den geschwächten Seeleuten, die schon die Nacht im Wrack verbracht hatten, in einer selbstlosen Aktion. Bei Schneegestöber seilten sie sich ab, über 200m die vereisten Klippen hinunter, bis zum Schiff. Sie haben die Seeleute geborgen, hoch gezogen und mit Pferden zurück ins Dorf gebracht. So gab es ein „Happyend“ zum Heiligabend.

1947 die spektakuläre Rettung von Latrabjarg

Ein Jahr später sollte die Rettung verfilmt werden. An einem der ersten Drehtage, lief erneut ein Fischdampfer an gleicher Stelle auf einen Felsen auf.  Aber die Besatzung der „Sargon – C 853“ konnte nicht gerettet werden. Sie ging vor den Augen der Film- und Rettungsleuten unter. Durch dieses wiederholte Unglück ist ein realistischer Dokumentarfilm entstanden.

Bye-bye Latrabjarg

Wieder am Landy angekommen fotografiere ich noch das Bild mit dem Puffin. Wir haben die putzigen Gesellen auf den Färöer Inseln beobachten können, bevor wir nach Island kamen.

Die Puffins, die Bewohner der Klippen sind schon weg. So gibt es ein Bild vom Bild…

 

Wir machen uns auf den Rückweg und genießen den Fernblick über die Westfjorde

Raudasandur

Wir fahren zurück über die 612 und biegen dann ab auf die 614. Eine Schotterpiste mit etlichen Schlaglöchern, über die unser Landy problemlos hinweg gleitet. Serpentinen winden sich die Berge hinauf und hinab. Schließlich endet die Piste und wir stehen vor einer riesigen Grasfläche, einem Campingplatz. Hinter dem Platz erstreckt sich ein goldgelber Sandstrand. Es ist kalt und windig. Ich schaue in die Ferne. Dort hinten befindet sich Latrabjarg. Die Vogelfelsen scheinen durch die aufwirbelnde Gischt hindurch.

Ein breiter Sandstrand, wilde Felsen – das schreit nach einer Strandwanderung.
Strand
Golden glitzert der Strand im Sonnenschein.
Das Wetter ändert sich – es zieht sich zu.

Los geht die Wanderung. Es dauert bis wir an der Wasserkante angekommen sind. Die Ebbe hat einen riesigen Sandstrand freigegeben – herrlich. Aber das himmlische Karussell beginnt das Meer zurück zu ziehen.

Die Flut kommt.
Tosend brechen sich die Wellen an der Felsenküste.

Ganz links am Ende vom Strand, auf einem ausgetretenen Pfad, durch Holzpflöcke markiert, wandern wir hinauf zu den Felsen und  setzen uns. Ich beobachte die Wellen und das sich im Wind wiegende Wollgras. Die Luft ist feucht, salzig und frisch… mich fröstelt.

Robert ist schon an den Felsen, ich trödele den Weg hinunter – fotografiere und hänge meinen Gedanken nach.

Wieder unten am Strand angekommen, stehen unsere Freunde die Schafe vor uns. Zu gerne würde ich die Wolle anfassen und ihm über die kuschlige Stirn streichen. Aber ich habe ziemlichen Respekt vor den Hörnern. In der Hocke pirsche ich mich langsam näher. Vielleicht klappt’s ja auf Augenhöhe. Pustekuchen – zwack ist es wieder drei Meter entfernt. Blöööckt mich lauthals an. Ich gebe auf.

Strand
Misstrauisch sind sie, unsere Wegbegleiter, auch am Strand…

Melanese Campside

Wir sind zurück am Landy. Hinter uns befinden sich die sanitären Anlagen, die Campkitchen und ein paar kleine Übernachtungsmöglichkeiten. Die Anlage – Melanese Campside 65.4654° N 23.9878° W – sieht recht neu aus, ist super gepflegt und sehr schön gelegen. Aber so viele Stellplätze und so wenig Duschen/Toiletten? Da bin ich skeptisch, in der Hauptsaison möchte ich nicht hier sein. Jetzt sind außer uns noch 3 weiter Fahrzeuge vor Ort, auch eine Rundhütte ist belegt. Oberhalb der Anlage befindet sich ein landwirtschaftlicher Betrieb.

Capingplatz
Melanese Campside – p.P. 1500 ISK. Strom kostet noch einmal 1000 ISK extra, aber den benötigen wir nicht.

Mir wird kalt. Ich gehe hinüber zu der kleinen Hütte in der Mitte. Rosa Leuchtbuchstoben flirren im Kreis: „Open“ steht dort. Es ist die Rezeption des Campingplatzes.

Noch ein kleiner Besuch in der Rezeption

Hinter einem Laptop kommt ein: „Hey“, hervor. Wir kommen ins Gespräch. Die Isländerin wohnt auf dem Hof oberhalb der Anlage. Ihnen gehört der Campingplatz. Sie haben sich ein zweites Standbein aufgebaut. Sie freuen sich über die Touristen, die kommen. Auf meine Frage nach dem Wetter antwortet sie: „Das ist nicht so extrem hier, der Winter ist nicht schlimm. Wir haben meist Schnee von Januar – März. Es ist hier wärmer als an manch anderer Ecke Islands.“ Ich frage sie nach der abenteuerlichen Straße, die wir gestern gefahren sind. Sie antwortet: „Ein Herr und eine Dame die dort gelebt hätte, hätten sich regelmäßig um den Zustand der Straße gekümmert.“ Ich zeige ihr ein Bild von gestern. „Ja“, sagt sie, „da wart ihr schon richtig.“ Sie fährt fort: „Seit die zwei gestorben sind, interessiert sich keiner mehr wirklich für den Weg. Und Achtung, er ist nur bei Ebbe passiert bar. Bei Flut steht der Wasserspiegel über Eurem Wagen, oben an dem Felsüberhang.“ Sie zeigt es mir auf meinem Bild.

Ich sehe mich noch ein wenig um in der kleinen Hütte. Du kannst ein paar Nahrungsmittel und Getränke kaufen und ein wenig Touri-Nippes. Dann verabschiede ich mich von der netten Isländerin. Schade, war so schön warm hier …. und gehe zurück zum Landy. Es kommen noch 2 Jacken oben drüber und eine lange Unterhose unten drunter. Und mit einem Glas Wein sage ich für heute – tschüss und gucke noch ein wenig Sonnenkino…

Strand
Ein farbenprächtiges Schauspiel am Ende Europas
September 2018
Island Latrabjarg – am Ende Europas

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Ein Gedanke zu „Island Latrabjarg – am Ende Europas

  1. An diesem Tag hattet ihr ja Farben wie am Mittelmeer, golden und tiefblau! Fehlen nur noch die Bade-Temperaturen dazu. Bislang dachte ich immer in Portugal sei der westlichste Punkt Europas, wieder was dazu gelernt!

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