Marokko 2019

Noch nie gehört: Agdz – Himmel auf Erden

Wo bin ich? Über mir ein weißer Baldachin. Neben mir alt-weiß getünchte Lehmwände und eine dicke rote Gardine. Vögel zwitschern. Ein kühler Luftzug streift durch das geöffnete Fenster über mein Gesicht. Und langsam kommt die Erinnerung zurück. Nach der Gewalttour gestern, sind wir spät abends im Hotel Dar Qamar in Agdz angekommen. Ich liege in einem Bett, nicht im Landy.

Ich höre Wasser plätschern. Robert steht schon unter der Dusche. Nach den abenteuerlichen letzten Tagen Outdoor, freue auch ich mich auf die Dusche. Und – juppi – eine reale Toilette. Kein Klappspaten und morgendlicher Kampf mit Felsgestein, kein Kampf mit nachrieselndem Sand in ein Loch in der Wüste.

Und wo liegt Agdz?

Wo befindet sich nun mein Himmel auf Erden? Agdz ist eine Kleinstadt in der Provinz Zagora zwischen Dades – und Draa-Tal. Salopp ausgedrückt: Agdz liegt im Süden Marokkos, mitten drin. Zu erreichen ist der Ort über die N9, die von Mhamid nach Marrakesch führt.

Agdz heißt übersetzt so viel wie „Rastplatz“. Ein himmlischer Rastplatz nach den ca. 600km, die wir gestern bis spät in die Nacht vom Plage Blanche bis hier zurückgelegt haben. Und spannend, wenn ich mir überlege, dass genau hier die Handelskarawanen auf dem Weg von oder nach Timbouktou Rast gemacht haben, bevor sie die 1660m hohen Bergpässe mit ihren Kamelen überquerten.

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Unser Weg nach Agdz

Frühstück im Dar Qamar

Wir sind mit Birgit und Christian, die uns zu diesen „Himmel auf Erden“ gelotst haben, zum Frühstück verabredet.

Gestern war es schon dunkel und so bestaunen wir nun bei Tageslicht den kleinen Innenhof. Von Lehmwänden umgeben bildet der Pool den Mittelpunkt des Gartens. Überall blühen Blumen und Gräser, dazwischen sind liebevoll Entspannungsoasen eingerichtet. Dattelpalmen spenden Schatten.

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Kannst Du den Duft der Rosen riechen?
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Seicht wehen die Gräser in der Morgensonne
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Das sieht einladend aus…

Neben dem Pool ist für uns eingedeckt. Auf einem weiteren Tisch befindet sich das Frühstücksbüfett. Kaffee, Tee, frischer Orangensaft, selbst gemachter Dattelsirup und Feigenmarmelade, typisch marokkanisches Brot und süße Teilchen, Eier und frisches Obst – ein Traum.

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Frisches Brot, selbstgemachte Marmelade, frisch gepreßter Orangensaft

Falls Du gerne einen Rundgang durch das Hotel unternehmen möchtest, nur zu.

Auf Entdeckungstour in Agdz

Nach so einem Frühstück heißt es: entspannen. Ich lege mich auf ein Bett am Pool. Aber lange liege ich dort nicht. Wir sind mit Birgit und Christian zu einer Entdeckungstour verabredet. Zu Fuß. Die Landys haben Pause.

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Wir verlassen das Hotel durch eine niedrige Tür und stehen mitten zwischen Lehmhäusern. Eine Ecke weiter streunen wir durch eine eingefallene Kashba. Wieder eine Ecke weiter beginnt der Garten Eden.

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Kasbah Kaid Ali

Wir gelangen auf einen großen freien Lehmplatz. Hier soll es einen Campingplatz gegeben haben. Drei Männer stehen am Rande unter Palmen und unterhalten sich. Hinter ihnen ragt eine Kasbah majestätisch in den azurfarbenen Himmel. Ein Marokkaner kommt direkt auf uns zu und bietet uns an, uns durch die Kasbah zu führen. Ich frage ihn nach seinem Namen. Er heißt M’Barek. „Ich bin Soziologe für Palmeraien“, erklärt er mir auf meine Frage nach seinem Beruf auf dem Weg zur Kasbah. Wir passieren historische Kutschen am Eingang.

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Los geht die Besichtigung im Gästetrakt. „Er ist 150 Jahre alt. Hier im Innenhof standen früher Orangenbäume und es gab zwei Brunnen“, schildert M’Barek. Vor den Gästezimmern, rund herum, befindet sich ein Arkadengang. M’Barek deutet auf ein Zimmer in der oberen Etage und sagt uns: „Dort wohnt Manfred aus Deutschland. Er hilft uns seit Jahren bei der Renovierung der Kasbah.“

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Ich stelle mir den riesigen Orangenbaum vor, der hier gestanden hat
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Die Menschen müssen kleiner gewesen sein. Die Gästebetten sind sehr kurz

Wir verlassen den Gästetrakt und gehen über schmale Treppen hinauf in den nächsten Stock. Es ist kühl hier im Inneren. Es gibt eine kleine Ausstellung: Bestandsaufnahmen, Grundrisse, Ansichten, Beispiele für Lehmtechniken.

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Handwerkliche Hilfe und Kulturaustausch

Schon 1998 haben hier die Renovierungsarbeiten begonnen. Ich bin begeistert. Da hätte ich wohl gerne geholfen. Marokko 2019

Und wen es interessiert, der kann beim Herstellen der Lehmsteine und den Renovierungsarbeiten zusehen.

M’Barek führt uns in einen weiteren Trakt mit Büros: „Hier lagen früher Teppiche auf denen man saß.“

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Dieser Raum ist noch nicht renoviert
Renoviert: Kunstvoll geschmiedete Fenstergitter und farbenprächtige Mosaike zierten die Büros

Dann geht es weiter durch die verschachtelte Kasbah über Treppen hinauf, über Terrassen bis in kleine Türmchen. Der Ausblick über die Palmenoase in die Berge verschlägt mir die Sprache. Wieder einmal denke ich: Himmel auf Erden – ein Traum, kneif mich. Wie in 1001 Nacht.

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Die Luft ist lau, die Palmblätter wiegen sich leicht im Wind
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Himmlische Ruhe

Kaid Alis Enkel

Wenn ich es richtig verstanden habe, ist M’Barek der Enkel von Kaid Ali, dem Namensgeber der Kasbah. „Hier lebten früher knapp 100 Familienangehörige“, M’Bareks Augen strahlen beim Sprechen. Ich merke dem Marokkaner den Stolz auf Familie und Kasbah an.

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Ein letzter Blick hinunter in die schmalen Gassen zwischen den hohen Mauern

Wir verlassen die zauberhaften Türmchen. Zum Schluss der Führung begeben wir uns in den Viehtrakt. Und dort steht mitten im Hof ein Art Podest. Es passt nicht so recht ins Bild. Kein Wunder. Als ich mir die vermeintlichen Lehmsteine genauer anschaue, blitzt weißes Styropor hindurch. „Wir befinden uns am Drehort von Aladin II“, berichtet nun M’Barek. Entzaubert, erscheint mir die sonst fremde exotische Welt aus 1001 Nacht an diesem riesigen Styroporhaufen.

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Warum wird der Styroporhaufen nicht wieder entfernt?

Wir verlassen die Kasbah. Ich bin noch ganz berauscht von den Eindrücken und Erzählungen. Aber auf der Straße bin ich schnell zurück in der marokkanischen Realität.

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Marokkanisches Hamam

Dann erregt ein Hinterhof mit zwei Türen und einem Ofen mit Feuerholz unsere Aufmerksamkeit. Hamam – das öffentliche Badehaus ist fester Bestandteil der Kultur. Viele Marokkaner besitzen kein Badezimmer und nutzen dafür das Hamam. So viel erkennen wir: links ist der Eingang für Frauen, rechts für Männer. Zu gerne hätten Birgit und ich ein Hamam besucht. Öffnungszeit: 5:30/6:00 morgens.

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Gelesen habe ich (im Schnelldurchlauf): jeder bringt seine Utensilien, wie Seife, Bürste, Shampoo, Rubbelhandschuh oder Schwamm mit. Ausgezogen wird sich bis auf die Unterhose. Man schrubbt und wäscht sich in einem heißen Raum auf dem Fußboden sitzend. Wechselt in einen kühleren Raum zur Entspannung, trocknet sich ab und zieht sich wieder an. Ist das so? Vielleicht kann ich es beim nächsten Marokkobesuch herausfinden.

Solltest Du Erfahrungen im marokkanischen Hamam gemacht haben, würde ich mich über Deinen Kommentar freuen.

Wir tingeln zurück zum Hotel. Ab in den Pool. Zum späten Nachmittag habe ich mich mit Birgit zu einer weiteren Entdeckungstour verabredet.

Hinter dem Dar Qamar…

…befindet sich die Toilette der Nachbarschaft und der Himmel auf Erden.

Wir steigen durch die verfallene Kasbah. Hätte die Lehmburg eine Seele, dann würden wir tiefe Seufzer hören. Sie würde sich nach den guten alten Tagen zurück sehnen. Den Tagen, als sie noch mit Leben erfüllt war. Den Tagen, als ihre Türme stolz in den Himmel ragten. Den Tagen, als sie als Wohnort, Festung, Liebesnest… geschätzt wurde. Jetzt ist der beißende Geruch von Fäkalien und Müll kaum zu ertragen.

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Natürlich bin ich hinunter gegangen in den kleinen Raum – ein „Toilettenraum“.
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Warum?

Eine Ecke weiter führt ein schmaler Lehmweg in eine grüne Oase. Dattelpalmen ragen in den Himmel. Die Zweige der Granatapfel-Bäume biegen sich unter dem Gewicht der prallen, teilweise aufgeplatzten Früchte. Wir bedienen uns.

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Bin ich wirklich hier?
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Zu Hause ca. 2,50€, hier fallen die Früchte zu Boden.
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Birgit hat für uns ein paar Granatäpfel gepflückt.

Ein Karren mit einem Esel steht auf dem Weg, ein Marokkaner kommt schimpfen und gestikulierend den Lehmweg entlang. Der Esel iaht laut, als er den Mann fluchen hört. Ist wohl ausgebüchst der Gute.

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Während in Deutschland der Esel eher im Zoo bewundert wird, ist es hier ein wichtiger Gehilfe.

Warm scheint die Abendsonne in unsere Gesichter und wir genießen den Rundgang durch das kleine Paradis. Dann verschwindet die Sonne hinter den Palmen. Zeit für uns den Rückweg in das Dar Qamar anzutreten. Wir gesellen uns zu unseren Männern die sich Kaffee und Pfefferminztee am Pool schmecken lassen.

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Abendspaziergang

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Ein fürstliches Mahl

Inzwischen ist es dunkel geworden. Ich habe einen Blogbeitrag fertig geschrieben, dazu einen Gin-Tonic genossen.

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Dann heißt es Platz nehmen. Zu viert lassen wir uns mit marokkanischen Köstlichkeiten verwöhnen, dazu ein Gläschen Wein – oder auch zwei.

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Bitte setzen…

Gekocht wird mit vielen Gewürzen. Salz wird kaum verwendet. Sesam und Dattelsirup runden den Geschmack ab. Der „feinen“ Vorspeise folgt ein deftiges Lammgericht mit dicken Erbsen und frischem Koriander. Ich sag’s Dir, ein echter Gaumenschmaus.

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Wir unterhalten uns noch ein wenig und genießen den Frieden und die Ruhe im hübsch beleuchteten Garten. Dann begeben wir uns in die Waagerechte.

In Hamburg sagt man Tschüss

Am nächsten Morgen ist der Himmel wieder strahlend blau. Es ist noch kühl. Ich könnte wohl noch bleiben, aber man soll ja gehen, wenn’s am Schönsten ist. So heißt es Abschied nehmen. Wir kaufen noch selbstgemachte Dattelmarmelade und Dattelsirup.

Auf zu neuen Abenteuern. Der Motor brummt, die Räder rollen gen Dades Tal. Was erwartet uns heute?

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Guten Morgen und bye bye

Marokko 2019 – eine Stück Paradies in Agdz

Geschrieben April 2020, bereist November 2019
Marokko 2019 – eine Stück Paradies in Agdz

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