Rettungsdienst

Rettungsdienst – die Glocke schellt eindringlich grell

Das Fax springt an, die Pieper summen. „Reanimation/Tote Person“, steht auf dem Papier für den Rettungsdienst. „Deinen ersten Toten wirst Du nie vergessen“, hallt es in meinen Ohren wider, als ich die kleine verdreckte Wohnung betrete. Eindrücke aus meiner Ausbildung zur Rettungssanitäterin.

Ausbildung zur Rettungssanitäterin

Rettungsdienst? Was habe ich mir das ausgesucht? Kann ich das? Komme ich mental damit zurecht? Da wir in Zukunft länger auf Reisen sein wollen – in der Hoffnung Corona wütet nicht ewig – habe ich mir gedacht, ein wenig medizinische Grundkenntnis kann nicht schaden. Kurze Recherche im Netz. Schnell war ein passender Kurs zur Rettungssanitäterin gefunden.

Rettungsdienst
Reanimation – üben bis die Finger schmerzen

Zeitlicher Aufwand

Vier Wochen Theorie, gefolgt von 4 Wochen Krankenhaus und abschließenden 4 Wochen im Rettungsdienst. Nach einem knapp einwöchigen Abschlusslehrgang folgt direkt die schriftliche, praktische und mündliche Prüfung. Auf geht’s.

160 Stunden Theorie

9 Uhr – 16.15 Uhr – die Schulbank drücken, man ist das lange her. Um mich herum frisch gebackene Abiturienten und Studenten. Ich erhöhe mit meinen Ü50 den Altersschnitt erheblich. Neugierige Blicke. „What – wie alt? Eyyyyy, krass – sooo alt“. Also, ich komme mir nicht alt vor.

Theorie, Fallbeispiele und üben, üben, üben…. Mir schwirr der Kopf. Rettungsdienst bedeutet: ACS, COPD, ABCDE-Schema, WASP-Schema, FAST-Test, TIA, Apoplex, Reanimation….meine grauen Zellen müssen sich ordentlich anstrengen. Man, was war das „entspannt“ im Büro 4 Tage 6 Stunden…

Rettungsdienst
büffeln bis der Kopf raucht

Theorie bedeutet in erster Linie, viel Stoff in kurzer Zeit lernen zu müssen. Das liegt nicht jedem. Nicht alle haben den Kurs bestanden.

160 Stunden Krankenhaus

Dann ist es soweit, der praktische Teil beginnt. Mein erster Tag auf der Zentralen Notaufnahme – mein Herz klopft, ich bin aufgeregt. Ich trete ein in die Anmeldung und sage zu der jungen Schwester, die meine Tochter sein könnte: „Guten Morgen, ich bin Kirsten, die neue Praktikantin“. Verdutzter Blick.

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112

Immerhin, kein Stress bei der Kleiderwahl wie früher im Büro oder Außendienst: OP-Hemd und -Hose, fertig. Dann geht’s auch schon los. Der Rettungsdienst bringt Notfälle. Brustschmerzen, Knochenbruch, Schwindel. Anfangs bin ich etwas zittrig aber dann geht es, EKG-Elektroden kleben, Sauerstoffklipp anlegen, Blutdruck messen, beruhigen – läuft.

Der ganz normale Wahnsinn auf der ZNA

„Schwester ich muss mal! Schwester! Jetzt! Schwester“, tönt es von dem mir zugeteilten, bettlägerigen Patienten durch den Gang. Schon wieder! Gefühlt zum zehnten Mal eile ich mit der Ente in der Hand den Gang hinunter. Der 80 jährige, demente Herr sieht mich erwartungsvoll an: „Schnell!“ Ente unter die Decke, Penis rein. Nach drei Tropfen stöhnt er erleichtert: „Fertig“. Ich habe es aufgegeben, ihm zu erklären, dass er mich nur rufen soll, wenn er wirklich muss. Er hat es gleich wieder vergessen.

Rettungsdienst

Der Rettungsdienst kommt mit weiteren Notfällen. Der angekündigte Patient vom Verkehrsunfall – Schockraum. Ein junger Mann ist rückwärts in ein Porzellanwaschbecken gefallen. Zwischendrin: „Schwester, ich muss mal“ Er muss warten.  Tiefe Schnittwunden in Rücken und Oberarmen klaffen zwischen den Tattoos des frisch eingelieferten. Blutverschmiert. Mir wird mulmig. Kann ich das ab? Alle müssen schnell anpacken. Zeit weiter zu überlegen bleibt mir nicht. Druckverbände. Schmerzmittel. Antibiose. Schocklage. Telefonate. Dieser Patient muss schnell in den OP. Und viele warten noch: Kreislaufprobleme, ein verstauchter Knöchel, Furunkel, Übelkeit, ein verklebtes Auge, ein Sturz letzte Woche – Notfall für die ZNA? Das sei dahin gestellt. Zeit mich vernünftig anzulernen ist kaum. Personalmangel. Zugänge legen darf ich nicht. Das sollte ich doch hier lernen?

Zugang legen

Intensivstation – auf Leben und Tod

Wie im Fluge ist die Zeit auf der ZNA vergangen und ich befinde mich auf der Intensivstation. 7 Uhr morgens: Mit Respekt und Ehrfurcht folge ich einem Intensivpfleger  an meinem ersten Tag über die Station. Herein gerollt wird ein Patient mit schlechter Sättigung, Sauerstoffmaske auf dem Gesicht. COPD, eine Atemwegsverengung meist bei Rauchern, und Lungenentzündung. Schnell ist er „verkabelt“ ein EKG geschrieben, Blut abgenommen und die Blutgasanalyse (BGA) bestimmt, ein Blasenkatheter gelegt, Fieber gemessen…

Nebenan im ISO(lations)-Raum kämpft ein alter Herr mit Lungenembolie um sein Leben. Ein paar Stunden später ist der ISO-Raum leer. Der Mann hat es nicht überlebt. Einen Raum weiter: zur Beobachtung, eine Selbsteinweisung, Alkoholentzug. Die Dame zittert und beschimpft das Personal. Das Gesicht eingefallen, verhärmt. Sie sieht aus wie eine Greisin. Ich bekomme einen riesigen Schrecken, als ich in den Unterlagen sehe, dass sie jünger ist als ich, knapp 40.

Wieder ein Bett weiter, der Mann hatte seit Tagen keinen Stuhlgang. Schwenkeinlauf – das Darmrohr wird eingeführt, der Beutel  gehoben und gesenkt bis sich die Spülflüssigkeit braun färbt. Dann heißt es warten und säubern. Tränen schießen mir in die Augen, ich muss würgen. Aber, lass es Dir gesagt sein, man gewöhnt sich dran. Alles was aus dem Menschen, aus welcher Öffnung auch immer, herauskommt gehört dazu.

Ein Obdachloser wird herein geschoben von der ZNA, er wurde gerade vom Rettungsdienst eingeliefert: kritischer Allgemeinzustand, akutes Abdomen. Ein Geschür wurde im Ultraschall gesehen. Nun wartet er auf eine OP, wird hier überwacht. Die Angst steht ihm ins Gesicht geschrieben. Sein Geruch beißt in der Nase. Wahrscheinlich konnte er lange nicht duschen.

Emotionale Bindungen sind nicht gut

Aber es gibt auch Patientinnen und Patienten, die schon lange hier liegen. Und eine Dame ist mir besonders ans Herz gewachsen. Jeden Morgen wasche ich sie, creme sie ein, putze ihr die Zähne, kämme sie, wechsele ihr Bettlaken, füttere sie. Sie trägt es mit ein wenig Humor hier zu liegen und bedankt sich für die Pflege. Sie hat schon Druckstellen von der Beatmungsmaske auf Nase und Stirn. Aber die Maske darf nur zeitweise abgenommen werden. Stündlich darf ich ihre Werte überprüfen, beispielsweise: Blutdruck, Puls, Temperatur, ausgeschiedene Urinmenge im Auffangbeutel des Katheters. Jeden Morgen bei der Visite hofft die Frau, die Information zu bekommen, auf Station verlegt zu werden. Aber ihr Zustand verschlechtert sich. An meinem letzten Tag auf der Intensivstation wirkt sie abwesend. Ich bin traurig.

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Mein Job wäre das nicht, die Intensivstation. Ich würde mir die Schicksale bei längerer Betreuung zu Herzen nehmen, frage mich noch heute, ob die Dame jemals wieder auf Station gekommen ist. Hut ab vor dem Personal der Intensivstation, das Tag und Nacht für diese Menschen da ist. Auch gerade jetzt während der Corona-Pandemie – mein Respekt und Dank all denen die für die Patienten da sind.

Anästhesie – wachst du noch oder schläfst du schon

Mein erster Tag, ich stehe in der Schleuse. Kittel, Hose, Mütze, Mundschutz. Hinter der nächsten Tür befindet sich der OP-Bereich, ich bekomme spezielle Schuhe. Ich werde einer Anästhesieschwester zugeteilt, die not amused aussieht, mich an der Backe zu haben.

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Medikamente aufziehen

Adrenalin ansetzen, Propofol aufziehen. Atropin, Sufentanil, Ketamin, Cis-Atracurium, Succinylcholin. Fleißig schreibe ich Dosierungen und Anwendungen in mein kleines Merkheft. Intubationsmaterial bereit legen, Infusion vorbereiten. Dann ruft jemand: „Sectio gelb!“ „Was ist das?“, möchte ich wissen. „Lauf mit“, die knappe Antwort.

Sectio gelb

Ich folge den zwei Anästhesieschwestern, die rasch den OP-Bereich durch die Schleusen verlassen – umziehen. Im Trimm-Trab geht’s es die Treppen hinauf durch die Gänge. Wieder eine Schleuse. Ein kleiner OP wird eilig vorbereitet eine Frau wird hereingeschoben – Notkaiserschnitt. Die Ärztin sagt mir, wo ich mich hinstellen soll, damit ich nicht störe und gut sehen kann. Dann heißt es: “11.13 Uhr, Schnitt“. Meine Beine drohen zu versagen, als die Ärzte die Bauchdecke nach dem Schnitt greifen und seitlich ziehen und zerren. Dann der Griff in den Bauchraum, die Handschuhe rot verfärbt. „Wieso dauert das so lange?“, frage ich mich. Die Zeit scheint still zu stehen. Endlich! Noch heute steigen mit die Tränen in die Augen, wenn ich an den Moment denke, als das Neugeborene den ersten Schrei von sich gab.

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Willkommen süßer Erdenbürger

Aber ich erlebe auch die unschönen Momente, wenn es niedergeschlagen heißt: „Zumachen, wir können nichts mehr tun.“ Gerade hatte ich der 64- jährigen Dame vor der Narkose noch Mut zugesprochen und sie hat mir erzählt, dass sie ihr Enkelkind aufwachsen sehen möchte. Viel Zeit bleibt ihr nicht.

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Zuschauen bei OPs

80 lehrreiche Stunden

Unter ärztlicher Aufsicht darf ich einen Zugang legen, intubieren, präoxygenieren,  beatmen, die Medikamente für die Narkose verabreichen. Ich beruhige Patienten vor der OP. Ich helfe umlagern, wenn beispielsweise der Patient auf den Bauch gedreht werden muss und zwischen durch werden immer wieder Geräte und Materialien desinfiziert, Material aufgefüllt, eingeschleust/ausgeschleust in den OP oder zur Aufwachstation. Ich schaue mir Bauchoperationen an, manchmal in 3D: Hernie, Perforation nach Darmspiegelung, Karzinom, Apendizitis, Ileus…. Sehe zu beim Einsetzen von künstlichen Gelenken an Hüfte, Schulter und Knie…

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Tupfer zählen nach OPs

Rettungsdienst – Zwölf-Stunden-Schichten im RTW

Ehe ich mich versehe, sitze ich im Rettungsdienst im Rettungswagen und es geht zum ersten Einsatz – ich bin aufgeregt. 7.10 Uhr: Ein kleines, dünnes, rothaariges Mädchen steht weinend und würgend an der Bushaltestelle und japst nach Luft. Der aufgeregte kleine Bruder steht daneben. Der Notarzt ist schon vor Ort. Ein Bonbon ist nicht mehr zu sehen, aber der Hals etwas geschwollen. Sicherheitshalber muss sie mitkommen. Im RTW unterhalte ich mich mit ihr über ihre rosafarbenen Fingernägel. Sie beruhigt sich langsam. Wir bringen sie in eine Kinderklinik.

Das macht mich betroffen

Notruf: „Eine alte Dame ist gestürzt.“ Wir sind im sozialen Brennpunkt unterwegs. Hochhaussiedlung. Sechstes Stockwerk. Die Tür wird geöffnet. Ein dunkler mit Tierhaaren bedeckter Gang, am Ende ein Zimmer. Ich sehe eine Frau mit verklebten Augen auf einer erhöhten Matratze liegen. Ein vollgespucktes Lacken, festgeklebte Brösel, eingezogene Flüssigkeiten. Leichter Fäkaliengeruch wabert durch den ungelüfteten Raum. Der Allgemeinzustand dieser bemitleidenswerten Frau ist haarsträubend. Die sie pflegende Tochter kassiert wohl nur die Kohle. Wut steigt in mir auf. Der Sturz war schon vor einer Woche. Wir nehmen die Frau mit. „So ein Fall ist keine Seltenheit, aber es geht noch viel schlimmer“, sagt der erfahrene Rettungsassistent auf dem Weg zum Rettungswagen (RTW) zu mir.

Alkohol und Drogen

Notruf: Drogenabusus, hilflose Person an Bushaltestelle. Notruf: „Betrunkene Person, bewusstlos im Hauseingang.“ Notruf: „Selbstanruferin: Entzug“ etc. Sind das Notfälle? Können die nicht einfach die Sauferei, Hasch, Crystal Meth, Kokain, Heroin oder sonstiges weglassen? „Vielleicht wäre die Zeit sinnvoller bei einem Herzinfarktpatienten eingesetzt?“, überlege ich bei der Anfahrt zum nächsten Notfall.

Zwischen totalem Unverständnis und Emphatie

Ja, es macht wütend, wenn der besoffene Mittdreißger vor der Notaufnahme sein gutes Stück auspackt und im Kreis pinkelnd Rettungsdienst, Polizei und Krankenschwestern beschimpft.

Mich macht es traurig, wenn jemand mit blau-weiß gestreifter Plastiktüte auf den Stufen vor dem Hochhaus sitzt und der heimkommende Nachbar agressiv sagt: „Nehmt die Alte bloß mit in die Geschlossene.“ Verwahrlost, kaum noch Zähne im Mund, keine 40 Jahre ist sie, die „Alte“. Sie ist auf Entzug. Wir können nicht helfen. Der Rettungsdienst ist nicht für ihr Methadon zuständig. Sie will nicht mit. Sie weiß: Sie hat Alkohol getrunken, dann gibt es kein Methadon für sie in der Klinik.

Einfühlungsvermögen ist gefragt, als die 18-jährige Tochter verzweifelt weinend neben mir steht. Es ist 11 Uhr morgens und sie klagt: „Meine Mutter hat nicht EINEN Sekt getrunken, sie säuft bis sie voll ist. Jeden Tag!“ Die Mutter liegt Blut spuckend im Bett. An der Wand hängen Bilder von einer bildhübschen blonden Frau. Sie muss gestützt werden auf dem Weg zum Rettungswagen, ihre blonden Haare kleben fettig im Gesicht. Beim RTW angekommen fragt sie, was ich von ihr halte…

Diese Menschen sind krank. Ich kenne ihre Geschichten nicht. Steht es mir zu, über sie zu urteilen und sie nicht als Notfall zu sehen? Ich finde: nein. Für mich sind es hilfsbedürftige Menschen.

Hoffnungslosigkeit und Neugier

Apoplex im Pflegeheim und ACS im Knast

Eine pummelige Dame sitzt auf dem Boden ihres plüschig eingerichteten Zimmers, stammelt zusammenhangslose Worte, der Mundwinkel hängt herab. Wach, leicht desorientiert, ansprechbar, Atemwege frei, Sättigung ok, Blutdruck etwas hoch, KHK bekannt, Blutzucker ok, Diabetes bekannt, motorisch einseitig auffällig, Schlaganfall in der Vorgeschichte, wurde vor zwei Stunden noch quietschlebendig gesehen. Time is Brain. Wir melden einen Schlaganfall an und bringen sie in eine Stroke-Unit.

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Notruf absetzen

Wir kommen fast zeitgleich mit dem Notarzt an. Tore öffnen und schließen sich. Türen öffnen und schließen sich. Schlüssel klimpern. Der Patient wurde schon an ein EKG angeschlossen, die ST-Strecke ist verändert. Ausstrahlende Brustschmerzen, kalter Schweiß, blass, verängstigter Blick, zu hoher Blutdruck. Zugang legen, Nitrospray, ASS, Heparin 5000EH, Blutdrucksenker, Morphin. Absolute Schonung, Oberkörper hoch lagern, Sauerstoff im RTW. Schlüssel klimpern, Türen öffnen und schließen sich, Tore öffnen und schließen sich. Mit Blaulicht geht’s ab ins Katheterlabor.

Die Lage schnell überblicken, trösten, beruhigen, assistieren, untersuchen, überwachen, überzeugen, Transportfähigkeit herstellen, dokumentieren, ins passende Krankenhaus transportieren. Kein Tag ist wie der andere, jeder Tag birgt neue Herausforderungen. Und ich bin nach zwölf Stunden Schicht echt platt wie eine Flunder, falle um 21 Uhr ins Bett – bis der Wecker um 5 Uhr wieder klingelt.

Die Erfahrung mit dem Tod

In meiner letzten Praktikumswoche heißt es dann: Tote Person/Reanimation. Ich habe Bammel. Der Pflegedienst ist vor Ort, lässt uns in die Wohnung. Müllbeutel, Essensrest, Geld auf dem Tisch, Pokale aus besseren Zeiten auf dem fingerdick verstaubten Schrank. Ein flaches Bett steht auf dem Fußboden, durch ein Bücherregal halb verdeckt. „Ich habe ihn schon gesäubert und das Bett neu bezogen“, sagt uns der Mann vom Pflegedienst. Die Balkontür steht weit offen, Müllsäcke stapeln sich – frische Luft.

„Ok, sieh genau hin“, denke ich mir. Das Gesicht ist hager und genauso grau wie der Dreitagebart. „Überwinden dich, fass ihn an“, moderiert meine innere Stimme mein Tun. Ich messe die Temperatur im Ohr. 28 Grad. Um ein EKG anzulegen, schlage ich die Decke zurück. Abgemagert ist er, Lungenkrebs im Endstadion. Die Form von Elle, Speiche und dem Oberarmknochen sind durch die Haut zu erkennen. Ich lege die Arme seitlich neben den Oberkörper – keine Muskeln, keine Leichenstarre in den Armen. Das EKG-Gerät zeigt die Asystolie, Nulllinie. Hat er schon Leichenflecken? Behutsam wird der Mann auf die Seite gedreht, wie ein Brett – Leichenstarre. Im Beckenbereich sind blaugraue Verfärbungen zu sehen. Ich drehe ihn zurück.

Respektvoll lege ich dem Toten die Hände wieder überkreuz auf den Bauch, decke ihn zu und stehe auf. Denke noch: „Friedliche Reise.“ Wir übergeben an die Polizei.

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Friedliche Reise…

„Alles ok?“, werde ich im Rettungswagen gefragt. „Ja, danke, alles ok.“

Einmal hat er mich im Traum besucht, der Tote. Friedlich war sein kantiges Gesicht, seine Hände gekreuzt, die mageren Beinchen mit den riesig wirkenden Füßen gerade ausgestreckt.

Die Prüfungswoche – und danach?

Noch mal heißt es büffeln und Fallbeispiele üben – Endspurt. Schriftliche, praktische, mündliche Prüfung – bestanden. Ich verlasse den Raum mit dem Zeugnis in der Hand. Nun bin ich Rettungssanitäterin. Mein Bürojob ist Schnee von gestern.

Freunde und Verwandte haben mich gefragt: „Wieso machst Du das?“ Meine Antwort: „Wenn wir unsere Weltreise starten, möchte ich ein wenig medizinische Kenntnisse haben – für uns, aber auch für unterwegs. Und ich möchte etwas wiedergeben, helfen können.“  Natürlich kam die nächste Frage nicht unerwartet: „Wirst du im Rettungsdienst arbeiten?“

„Ja, das werde ich, wenn man mich lässt.“ 😉

Zu guter Letzt: Pleiten Pech und Pannen – das passiert mir nie?

„Das passiert mir nie“, habe ich gedacht, als mir die Fehler ehemaliger Praktikanten erzählt werden.

Zweiter Tag. Ich soll ran. Notruf: Bluthochdruck.

Wir kommen an. Der Mann liegt im Bett, ist aufgeregt und verängstigt. Schwindelig sei ihm und alles sei verschwommen.  Ich fühle den Puls – bisschen langsam. Mir werden Blutdruckmanschette und Stethoskop gereicht. Ich bin aufgeregt, wie blöd. Das ist doch nicht das erste Mal.

Das Stethoskop hängt schnell um meinen Hals. Die Blutdruckmanschette ist umgelegt und aufgepumpt bis ich den Puls nicht mehr fühle. Ohroliven in die Ohren. Ich lasse den Druck ab und schaue gebannt auf den Druck. 195 zu… Aber verdammt, warum höre ich den unteren Wert nicht? Ich pumpe wieder auf, unter Beobachtung meiner Kollegen. 190 zu…Verdammt, ich höre den unteren Wert wieder nicht.

„Und?“, fragt mich die Notfallsanitäterin. „195, aber den unteren Wert höre ich irgendwie nicht“, ist meine unsichere Antwort. Süffisant lächelnd schaut sie mich an: „Aber den oberen hast du gehört? Ist ja interessant.“ Und sie zeigt auf das Bruststück des Stethoskops, das an meinem Hals frei schwebend baumelt, statt in der Ellenbeuge des Patienten zu liegen. Ich laufe puterrot an und wünschte der Boden würde sich auftuen.

Blutdruck messen

Naja, wenigstens lacht der eben noch verängstigte Patient jetzt und sagt: „Jeder hat mal angefangen.“ Ich könnte mir in den Allerwertesten beißen, aber lache mit….

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Danke Helge, für Deine Collage

Zwischenruf –  Ausbildung im Rettungsdienst, meine Eindrücke

März 2020

PS.: Die Bilder habe ich mir dieses mal größtenteils bei Pexeles – kostenlose Fotos – herausgesucht. Natürlich habe ich weder im Krankenhaus noch im Rettungsdienst Fotos selbst geschossen.

Zwischenruf – Ausbildung im Rettungsdienst, meine Eindrücke

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6 Gedanken zu „Zwischenruf – Ausbildung im Rettungsdienst, meine Eindrücke

  1. Sehr bewundernswert Toll dass Du es durchgezogen hast Herzlichen Glückwunsch zur Rettungssanitäterin Liebe Grüße von Wolfgang & Mona
    …. und gesund bleiben

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