Roadtrip

Der Himmel über Albanien ist blau. Wärmenden Sonnenstrahlen wecken uns. Ziel heute ist der Skutariesee. Wir sind gespannt, was uns auf dem Weg durch das ärmste Land Europas heute begegnen wird. Die Routenplanung sieht das bergige Inland vor, aber auch die Albanische Riviera…

Rückblick

Wir lassen es ruhig angehen, frühstücken in der Sonne griechischen Joghurt, mit Trauben und frischen Wallnüssen. Trauben und Nüsse haben wir gestern in Griechenland an einem Straßenstand erworben. Beobachtet werden wir von 2 Welpen, die sich nachts zwischen den Sträucher neben unserem Reisemobil niedergelassen haben.

Wir sehen uns die Route für heute an und blicken zurück auf die letzte Woche – ereignisreich war sie. Bulgarien, Griechenland und Albanien. Antike Stätten wie Meteora oder Aladzha dem Felsenkloster, Bauruinen, Traumstrände, Unwetter, blauer Himmel, einsame Berge, quirlige Großstadt – Thessaloniki.  Arm/reich, dreckstrotzend/blitzeblank, karg/üppig, grün/grau, einsam/überlaufen… Gegenteiliger könnte es gar nicht gewesen sein.

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Rückblick über die vergangene Woche

Die Art zu reisen

Immer sofort umzuschalten, sich auf das neue Umfeld einzulassen, fällt mir manchmal schwer. Während wir das „Eine“ noch verarbeiten, prasselt das „Neue“ auf uns ein. Das war uns zu Beginn der Reise klar. Wir wollten einen Gesamteindruck möglichst vieler Balkanländer bekommen. Und das in 4 Wochen – zugegeben sportlich. Jeden Tag woanders zu sein, ist mental keine einfache Sache.

– Zeitdruck
– Landesumstände
– Wetter
– Straßenverhältnisse
– Unvorhergesehenes
– Gesundheit
– Gänsehautmomente
– WIR 24h zusammen auf ein paar Quadratmetern

Das ist eine tägliche Herausforderung. Inzwischen sind wir ein gut eingespieltes Team, die Handgriffe sitzen wortlos. Aber jeder hat seine drolligen 5 Minuten und dann sind Ruhe und Toleranz gefragt. Einen Pauschalurlaub an einem Ort und den ganzen Tag am Strand zu liegen, das könnte ich mir nicht mehr vorstellen. Immer dort hin zu fahren, wo wir möchten, zu halten, wo wir möchten, zu schlafen, wo wir möchten, das will ich nicht missen.

Nur wünsche ich mir mehr Zeit. Gerade hier in Albanien würde ich gerne langsamer reisen. Auf dem Campingplatz haben wir interessante Menschen kennen gelernt. Zum Beispiel, den braungebrannten Herren aus Bayern, mit seinem weißen Rauschebart. Dauerhaft unterwegs ist er mit einem gelben DAF Leyland und unterstützt albanische Projekte über das Diakonische Hilfswerk. Er erzählt uns von Land & Leuten und Offroad-Strecken in den Bergen, wo er auch schon so manchem Landyfahrer aus der Patsche geholfen hat.

Heute ist der 2. Oktober und am 7. müssen wir zu Hause sein, leider keine Zeit besagte Bergdörfer zu besuchen oder Experimente in den Bergen zu wagen.

Die Räder rollen weiter

So machen wir uns auf den Weg – Nationalstraße SH 8. Eine große Straßenauswahl haben wir nicht, denn nur ein Weg führt weiter in Richtung Skutari (veraltet), auf albanisch: Shkodër oder Skhodra. Apropos Sprache: Albanisch stammt aus dem indogermanischen. Viele lateinische Wörter und einige altgriechische prägen die Sprache. Gestern Abend haben wir uns mit einer Albanerin über die Sprache unterhalten. Es gibt 2 große Dialektgruppen und wieder diverse Untergruppen. Ziemlich kompliziert und schwer auszusprechen, finde ich. Aber keine Sorge, viele Albaner sprechen ausgezeichnet englisch, einige auch deutsch.

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Reiseroute heute: knapp 300 km

Stopp Ampel! Plötzlich am Dorfeingang wird die Straße einspurig.

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Kleine Dörfer scheinen in den Felswänden zu kleben. Die Gassen sind eng. Oft ist Geduld gefragt, denn auch Fussgänger und  Menschen mit Karrengespannen sind hier unterwegs.

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Die Straße führt hoch hinauf in die Berge. Nach jeder Kurve gibt es einen neuen atemberaubenden Ausblick.

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…ich glaube die Autoscheibe muss gereinigt werden
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Hinter uns das Meer, vor und geht es in die Berge

In den Berghängen stehen bunte Bienenhäuschen auf alten Autoreifen oder Klötzen. Den Honig und weitere Produkte kannst Du an der Straße kaufen, kleine Verkaufstisch stehen hier und dort. Unser Honig, den wir in Rumänien in Sapanta am fröhliche Friedhof gekauft haben, ist noch nicht alle und so fahren wir weiter.

Balkan 2017

Albanien: Llogara Pass

Schließlich erreichen wir einen Aussichtspunkt mit einer riesigen Plattform. Vor uns fallen die Berge steil ab hinunter zum Ionischen Meer. Der Gebirgszug hinter uns ist unbewohnt und sieht schwer zugänglich aus.

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Die Historiker streiten sich, ob um 48 v. Chr. hier einst Julius Caesar mit seinem Herr langezogen sein soll, hin zur Schlacht von Dyrrhachium gegen Pompeius – damals über Bergpfade. Erst 1920 wurde hier eine teilweise einspurige Straße gebaut. Ausgebaut und erweitert wurde dieser Pass ab 2008.

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Nun fahren wir wieder ins Inland

Aber nicht nur Caesar ist hier kriegerisch unterwegs gewesen. Diverse Kriege haben in Albanien Spuren hinterlassen. Vielerorts „zieren“ Rundbunker Strände, Berge, oder Städte. Denkmäler stehen, wie dieses hier, an der Passstraße. Vielleicht zum Zeichen der Aufnahme Albaniens 1920 in den Völkerbund? Es steht nicht dabei.

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Vlora

Wälder, Berge, Felder und wieder Küste, vorbei an Olivenhainen erreichen wir die Hafenstadt Vlora. Die Hauptstraße führt entlang des Strandes. Wohnblocks, Luxusimmobilien, Hotels, Banken und Boutiquen, Bars und Diskotheken, Bauruinen und Leerstand säumen die andere Seite der Straße. Manches Gebäude entstand nach dem Zusammenbruch des Kommunismusses durch Schmuggelgelder, davon vieles illegal ohne Baugenehmigung. Heute ist der Sommertourismus die wichtigste Einnahmequelle der Stadt.

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Leider gehört das Industriegebiet von Vlora zu einem der verseuchtesten Orte des Landes. Schuld ist die rücksichtslose Industrialisierung. Chemiefabriken zur Produktion von Alkalichloriden und PVC wurden errichtet – heute ist der Boden in der Nähe der Natra Lagune durch Quecksilber und chlorierte Kohlenwasserstoffe hochgradig versucht, denn eine Abwasserreinigung gab es damals nicht.

Lushnja

Wir gelangen in eine Ebene – die Myzeqe Ebene. Der Gebirgszug liegt einige Kilometer entfernt parallel zur Küste. Die weitläufige, leicht wellige Ebene war einst Sumpfland. Die Trockenlegung begann vor dem Zweiten Weltkrieg und in den 1970er war auch die letzte Malariamücke ausgerottet und das Land trocken gelegt. Wir fahren entlang abgeernteter Felder, durch kleine Orte. Hier ist das Land ein wenig dichter besiedelt. Im Örtchen Lushnja herrscht auf den Straßen reges Treiben. Hier trafen sich nach dem Ersten Weltkrieg die Machthaber Albaniens, um die Eigenständigkeit Albaniens zu festigen.

Entlang der Küste bei Durres

Wie aus dem Bilderbuch: Türkises Wasser, traumhafte Strände, einsame Buchten…

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Der Strand ist ein Träumchen

Aber, Albanien ist an so mancher Stelle ein echtes Dreckslock – stinkend und gärend. Müll wird überall entsorgt, ob in ausgetrockneten Flussbetten, in Gräben oder einfach so am Strand und in den Bergen. Es macht micht traurig das zu sehen, wieso?

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Die Müllmassen überall sind unglaublich

Erst rümpfen wir die Nase über die Entsorgung des Mülls auf albanische Art. Doch immer noch besser, als wenn die Haufen immer größer werden. Die Rauchsäulen, die wir überall im Land entdecken, sind private, brennende Müllberge.

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Müllverbrennungsanlage

Am Strand befindet sich ein Fischverkauf mit einem angeschlossenen Restaurant. Für 2 etwa 30cm große Fische bezahlen wir 1000 LEK = ca. 7,50€. Die werden wir heute Abend am Skutarisee grillen.

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..und was das getrocknete ist, können wir nicht identifizieren

Der Betrieb auf der Straße ist wieder mehr geworden, die einsamen Regionen liegen hinter uns. Ob zu Fuß, mit dem Rad, dem Pferdegespann, per Anhalter, oder mit dem Wagen. Ob Schulkinder, alte Menschen mit Plastiktüten oder Ziegenhirten, alle sind auf der Hauptstraße unterwegs. Noch immer ist Albanien das Armenhaus Europas. Viele Menschen leben unter einfachsten Bedingungen von der Hand in den Mund. Viele versuchen ihr Glück in der Nähe der größeren Städte.

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Neugierig beobachtet der Blondschopf unser Reisemobil

 

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Viele Menschen fahren hier per Anhalter

Durres

Wir durchfahren Durres, die zweitgrößte Stadt Albaniens. Die Auslegung der Verkehrsregeln ist in Albanien recht großzügig. Im Zweifelsfalle hat der stärkere Recht. Unser Garmin ist gerade in Streik getreten, Mobile Daten sind aus. Wir fahren in einem mehrspurigen Kreisel mit X-Ausfahrten im Kreis. Einmal, zweimal…Schilder, Fehlanzeige. Wir werden von 2 älteren Herren beobachtet. Sie machen Handzeichen und Kopfbewegungen, ich winke ihnen zum Dank zurück und wir nehmen die angezeigte Ausfahrt. Übrigens heißt in Albanien Nicken – nein und Kopfschütteln – ja.

Unser Navi hat sich wieder sortiert. Wir gelangen ohne weitere Extrarunden hinaus aus Durres. Ausgewiesen ist diese Straße als Autobahn, jeweils 2spurig mit einer doppelten Mittelleitplanke. Das hindert aber Radfahrer und landwirtschaftliche Gefährte nicht daran, eine entgegenkommende Spur zu nutzen.

Zwar sind die Straßenverhältnisse hier recht gut und mit unserem Reisemobil sind Schlaglöcher kein Problem. Was aber nicht heißt, das andere Autofahrer immer auf ihrer Spur bleiben. Bei einem Schlagloch wird ausgewichen und nicht immer auf den Verkehr geachtet. Augen auf, Achtsamkeit in Albanien ist angebracht.

Einkaufen in Shkodra

Shkodra am Spätnachmittag – wir benötigen noch: Joghurt, Milch, Butter, Brot, ein wenig Obst und Wein. Das dürfte kein Problem sein. Von wegen, wie sieht denn ein Supermarkt aus?  Langsam rollen wir durch kleine und große Gassen der nordalbanischen Stadt. Der Stresspegel im Reisemobil steigt. Stopppp – das sieht aus wie Supermarkt. Zu spät. Jetzt aber: Stooooop – kein Parkplatz… Schließlich halten wir an der Hauptstraße direkt vor einem kleinen Laden im Halteverbot – Warnblinker an. Das machen hier alle so. Den 2 Jugendlichen fallen fast die Augen aus dem Kopf, als sie den Landy sehen, direkt vor ihrem kleinen Laden. Sie verstehen unsere Frage nach Brot nicht, sie sprechen nur albanisch. Wir suchen zusammen was wir erkenen oder vermuten.

Für heute stehen die Räder still. Welcome to Camping Legjenda am Skutarisee.

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Unser Übernachtungsplatz für heute

Wir werden von einer bildhübschen, schwarzhaarigen Albanerin begrüßt. Sie erklärt uns den Zeltplatz. Am Eingang des Platzes stehen große Banner, die Sehenswürdigkeiten und Karten der Umgebung zeigen. Wir haben freie Platzwahl. Die Burg auf dem kleinen Felsen ist nicht zu übersehen. Dort hinauf möchte ich zum Sonnenuntergang.

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bevor die Sonne verschwindet, gehen wir zur Ruine hinauf

Die Burg Rozafa

Knapp 2 km sind es zu Fuß hinauf. Der Dreck am Wegesrand begleitet auch diese Wanderung.

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Der Entstehungssage nach, soll die Burg von 3 Brüdern erbaut worden sein. Die Frau des jüngsten Bruders, mit Namen Rozafa, soll dort eingemauert worden sein. Die Geschichte kannst Du im Burgmuseum nachlesen. Wir erkunden die Burg und sind fasziniert von dem Blick in das Umland.

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Sonnenuntergang am Skutariesee

Als der Ziegenhirte beginnt seine Herde zusammen zutreiben, wird es auch für uns Zeit zu gehen. Der Magen knurrt, wir wollen nun unsere Fische essen.

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Der Ziegenhirte treibt seine Ziegen zusammen

Im Dämmerlicht bereiten wir unsere Fische zu. Der Ruf der Muezzin von den Minaretten schallt herüber: „Allahu akbar……“. Knapp 60% der albanischen Bevölkerung sind Muslime. Der Ruf klingt fremd, ein wenig mystisch, in meinen Ohren.

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Abendessen

Der Fisch war lecker, was auch immer es war. Wir lassen den Abend unter freiem Himmel, heute mit kitschiger Beleuchtung ausklingen.

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Abend auf dem Camping Legjenda
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Wir stehen unter kitschig roter Beleuchtung, mal was anderes 😉 – mir gefällt’s
2. Oktober 2017
Albanien – armes reiches Land

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