Napoli Sotteranea

Während wir durch die Spaccanapoli schlendern, entdecke ich ein Schild auf dem steht: Napoli Sotterranea, das unterirdische Neapel entdecken. Heute schaffen wir es nicht, aber dort möchte ich hin, koste es was es wolle.

Eingang
Der Eingang in das unterirdische Neapel

Und es kostet etwas, 10€ p.P. Wir warten vor dem Eingang auf den Beginn der Führung. Alleine darf man nicht hinunter in die Unterwelt. Dann geht es los, eine schmale Steintreppe führt hinunter in die kühle Tiefe unterhalb der Stadt. 140 feuchte Stufen bringen uns 40m unter die Erde. Eben noch im heißen Pompeji bei 30°C, ist es eine ziemliche Umstellung  auf 14°C und eine Luftfeuchtigkeit von  70%. Wir frösteln.

An der Sammelstelle nach der Treppe berichtet uns unser Guide, dass ca. 2/3 der Altstadt von Neapel von einem unterirdischen Netz aus Höhlen und Tunneladern durchzogen ist. Wenn die Stadt wuchs, dann wuchs auch der Hohlraum unter ihr. Die ersten unterirdischen Höhlen sollen vor 5000 Jahren entstanden sein. Es waren Grabkammern die in den Tuff gehöhlt wurden.

Tuffsteinabbau
Tuffsteinabbau unter den Straßen von Neapel

Anschließend geht es durch schmale verwinkelte Gänge in einen Raum, in dem gelbliche Felsblöcke herumliegen. Hier werden wir über den Tuffsteinabbau aufgeklärt. Die Griechen perfektionierten den Abbau und nutzen den weichen porösen Stein zur Errichtung ihrer neuen Stadt: Neapolis (Nea=neu, Polis=Stadt). Es gab mehr als 1000 solcher Steinbrüche. Später dann verbanden die Römer diese Hohlräume durch Tunnel und Kanäle. Sie leiteten Wasser hindurch. Es entstanden unterirdische Zisternen. Infolgedessen konnte jeder Haushalt Wasser aus der Unterwelt schöpfen. Weiter geht die Wanderung.

Hier unten sind die Durchgänge SEHR eng

Wir müssen einzeln hintereinander her gehen und die ersten Teilnehmer streiken. Zu eng, zu dunkel, zu stickig, sie wollen nur noch raus, an die frische Luft. Ehrlich gesagt, alleine möchte ich hier unten auch nicht sein!

Im Weltkrieg

Wir erreichen wieder einen großen Raum. Ich entdecke eine Fliegerbombe die mitten im Raum hängt. In der Ecke steht ein Panzer (wie kommt der hier rein?). Eingestaubtes Kinderspielzeug liegt hinter einem Gitter, neben alten Helmen aus dem Krieg. An den Wänden befinden sich Zeichnungen die von Ängsten und Gedanken der Flüchtenden erzählen.
Die Treppe über die wir heruntergekommen sind wurde erst im Zweiten Weltkrieg in den Tuffstein geschlagen. Man hat die vergessenen Hohlräume als Luftschutzkeller wieder entdeckt. Ich vermag mir nicht vorzustellen wie 500.000 Neapolitaner währende der Luftangriffe hier gelebt haben.

Spielzeug aus dem Krieg
Kinderspielzeug aus dem Krieg

Wie Kinder hier unten in den notdürftig eingerichteten Höhlen ihr Leben begonnen haben und wie alte und kranke Menschen Wochen hier unten ohne Tageslicht verbracht haben. Zumal die, die ihr Haus verloren hatten sich hier dauerhaft einrichten mussten, in einer Höhlenecke hinter einem Laken für ein wenig Privatsphäre.

Wieder zwängen wir uns durch schmale Gassen, teilweise nicht einmal 1,80m hoch. Der nächste Raum ist eine Art Weinkeller mir riesigen Fässern. Wir befinden uns unter der Kirche. Hier soll einst ein Frauenkloster gewesen sein. Die Nonnen sollen durch Zauberhand schwanger geworden sein, wenn sie den köstlichen Rotwein aus den Fässern gezapft haben. Wenn da mal nicht die Priester von nebenan nachgeholfen haben.

Munaciello (=kleiner Mönch)

Weiter geht die Reise durch das geheimnisvolle unterirdische Neapel. Früher sollen hier dauerhaft viele arme Familien gelebt haben. Die hungrigen Kinder schafften es hin und wieder durch die Verbindungen der Zisternen nach oben in die Häuser zu gelangen. Dort haben sie Lebensmittel und für sie nützliche Gegenstände entwendet. Für die beraubten Neapolitaner konnte sich ihr Hab und Gut natürlich nicht in Luft aufgelöst haben. Eine Lösung musste her: Schuld war der Munaciello, der Geist der Unterwelt. Beschäftigt man sich ein wenig mit diesem zwergenhaften Mönch mit Silberschnallen an den Schuhen, so findet man viele Ursprünge bis hin in das Jahr 1445.

Eine Geschichte besagt, der Kobold sei das Kind einer reichen Tochter mit einem Straßenjungen. Sie trafen sich heimlich. Der Junge verunglückte bei seinem Weg über die Dächer von Neapel bei dem Besuch seiner Geliebten. Die Tochter des Tuchmachers aber war schwanger. Sie erhielt die Erlaubnis das Kind in einem Kloster zur Welt zu bringen. Das Kind kam behindert zur Welt. Nach dem Tod seiner Mutter wurde es wahrscheinlich von Verwandten ermordet. Aber er kleinwüchstige Kerl lebte als Geist weiter…

Wir haben den nächsten großen Hohlraum erreicht. Hier steht ein steinernes Pflanzbecken mit einer Tageslichtlampe. Die natürlich hohe Luftfeuchtigkeit lässt Pflanzen wachsen, ohne sie zu gießen. Hier werden Experiemente zur unterirdischen Pflanzenzucht durchgeführt. Im nächsten Raum wird es spannend. Wir sollen uns auf einen Rundweg begeben. Taschen und Rücksäcke müssen hier bleiben und jeder zweite bekommt eine Kerze. Elektrisches Licht gibt es in diesen Gängen nicht.

Im Kerzenlich durch Neapel
Nun geht es mit Kerzen weiter

Pozzari (=Brunnenwärter)

Die Gänge sind noch schmaler geworden, teilweise schiebe ich mich seitwärts durch die Felsspalten….. dass bloß die Kerze nicht erlischt. Plötzlich tut sich ein großer Raum vor uns auf, eine Zisterne. Rund herum sind Geländer, damit niemand hinein fällt. Wir halten unsere Kerzen nach oben, sehen die kleinen Löcher in der Wand. Sie führten früher wie eine Treppe hinauf in das Haus. Nun musst Du Dir vorstellen, dass es damals völlig dunkel war und Geländer gab es natürlich auch nicht. Heute ist das Wasser geheimnisvoll grünlich beleuchtet.

Arbeit des Pozzari
Stufen für den Pozzari

Das war das Reich des Pozzari. Schließlich musste jemand diese unterirdischen Zisternen sauber halten. Über die schmalen Schächte turnte der Pozzari im Dunklen an den, in den Fels gemeißelten Steiglöchern auf und ab. Er reinigte die Brunnen und die Abflusslöcher. Dafür bekam er Geld und Esswaren von den jeweiligen Bewohnern des Hauses auf den Brunnenrand gelegt. Bekam er seinen Lohn nicht, so machte er auf sich aufmerksam. Er rührte den schlammigen Grund auf, oder legte ein totes Tier in den Brunneneimer. Nun stellt sich natürlich auch die Frage, ob der Munaciello es tatsächlich war der die Speisekammern heimsuchte, den Frauen Geschenke hinlegte…..oder der Pozzari. Tatsache ist jedoch, dass der Pozzari für penible Reinlichkeit im System sorgte.

Einen Raum habe ich noch vergessen zu erwähnen. Er sieht unscheinbar aus. Jemand hat gegraben, bis zu einem steinigen Grund hinunter, einige Meter. Teilweise sind wir über festgetretenen Müll gewandert, wird uns nun erklärt. Denn als Müllschlucker wurden die Brunnen später verwendet. Hausabfälle, Knochen, tote Tiere, altes Geschirr, alles was durch den Schacht passt wurde hier entsorgt. Nun denn, riechen kannst Du es nicht, aber die Vorstellung der Wanderung über den Müll ist schon befremdlich.

Das unterirdische antike Theater

Doch nun führt uns unser Weg zurück an das Tageslicht. Fast 1 1/2 Stunden sind vergangen, nein verflogen, mir schwirrt der Kopf.

Aber die Führung ist noch nicht zu Ende. Blinzelnd steht die Gruppe in der späten Nachmittagssonne,  lauscht den weiteren Ausführungen und setzt sich in Bewegung. Wir klopfen an einer riesigen Holztür, sie öffnet sich knarrend. Dann stehen wir in einem Appartement aus alter Zeit. Es ist eine kleine Erdgeschosswohnung, eine basso, wie der Neapolitaner sagt.

versteckter Eingang
Das schwere Bett steht über dem Eingang

Unsere Aufmerksamkeit wird auf das Bett gerichtet. Darunter befindet sich eine riesige Falltür, die mit einem Seil geöffnet wird. Eine Treppe führ steil hinunter.

Unter der Stadt
Weiter geht es hinunter in die Vergangenheit

Wieder tauchen wir ein in die Antike. Hier befindet sich ein Durchgang in das bedeutendste griechisch-römische Theater seiner Zeit. Hier soll Kaiser Nero seine Bürger mit seinem Gesang gequält haben. Man sagt ihm nach, er sei ein schlechter Sänger gewesen. Wir erfahren noch das ein oder andere über die Geschichte dieser Zeit, doch mein Aufnahmevermögen ist erschöpft.

Nun hat die gesamte Führung etwas über 2 Stunden gedauert, wir waren begeistert. Geschichte, Unterhaltung und Spannung mit Bewegung, ein empfehlenswerter Rundgang der sich lohnt.

Nun bei der Recherche habe ich heraus gefunden, dass es auch noch andere Eingänge in die Unterwelt mit weiteren interessanten Führungen gibt, wie z.B.: den bourbonischen Tunnel.

Fazit:

Lohnenswert, sehr zu empfehlen. Du solltest auf jeden Fall eine Jacke mitnehmen und feste Schuhe tragen. Wenn Du Platzangst hast, ist es fragwürdig, ob Dir diese Wanderung gefallen wird. Auch für beleibtere Personen wird der Gang durch das Wegenetz der Unterwelt nicht unbedingt eine Freude sein. Der Eingang befindet sich an der Piazza San Gaetano. Der Eintritt ist mit 10€ nicht günstig, aber es lohnt sich. Italienische Führungen finden stündlich zur vollen Stunde statt. Englisch sprachige Führungen beginnen alle 2 Stunden ab 10:00 a.m. bis 6 p.m.. Die Führungen starten nur, wenn mindestens 10 Teilnehmer zusammen gekommen sind. Weitere Informationen findest du hier.

Im Untergrund von Neapel

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