Einsame Buchten, urige Tavernen, kleine Dörfer, Pinienwald und Kaffeehäuser, Komboloi und Frauenverbot, heilige Klöster und alte Knochen, enge Gassen und Menschenrummel, Verkehrschaos und blaue Quallen – von Kalamitis nach Thessaloniki – ein Tag wie er abwechslungsreicher nicht sein könnte.

Auf nach Thessaloniki

Wir befinden uns in der Bucht von Kalamitsi, Sinthonia und packen unsere 7 Sachen, wollen weiter Richtung Thessaloniki.

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Bucht von Kalamitsi

Im Gegensatz zu den Badehochburgen auf Kassandra, kannst Du  auf Sinthonia Natur pur erleben. Die kleinen namenlosen Sandbuchten, an steilen Küstenabschnitten mit azurblauem Wasser, hast Du mit Glück für Dich alleine. Manchmal kommst Du mit dem Wagen über Schotter, Felsen und Sand hinunter, aber oft sind die schönsten Plätze  nur zu Fuß zu erreichen.

Und dort möchte ich noch vorbei fahren. Es sind Orte an denen ich viel Zeit verbracht habe, als ich in Griechenland gelebt habe. Auf geht’s. Nach kurzer Zeit entschwindet Athos unserem Blick.

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Heutige Reiseroute

Athos

Die Enklave, auf der Frauen Besuchsverbot haben. Schon seit 1000 Jahren ist das so. Selbst weibliche Tiere, außer Hühnern dürfen nicht einreisen. Ei benötigen die Mönche für die Malerei – so wird das Eigelb zur Ikone. Ich habe damals versucht, durch das Wasser um die Mauer herum auf den Oros Agion – den Berg der Heiligen – zu gelangen. Das gab eine deftige Standpauke von einem  Mönch, mit schwarzer Kappe und Weihnachtsmannbart.

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Auch hier ist es schon recht herbstlich

Heute ist es ist stürmisch auf dieser Seite von Sinthonia. Quer durch das Inland, entlang duftender Pinienwälder geht die Reise. Durch diese besondere Pinienart, die  Allepo-Kiefer, bekommt der Retsina seinen Geschmack. In der antike wurden die Amphoren mit dem Harz abgedichtet, heute wird das Pinienharz dem frischen ungegorenen Wein beigefügt. Wir gelangen auf die andere Seite der Landzunge. Hier ist es nahezu windstill.

Toroni

Über Nebenstraßen gelangen wir in den Ort Toroni. Damals gab es ein paar kleine Pensionen, Tavernen und Bars, den langen weißen Sandstrand entlang. Heute sind kleine Hotels, Strandschirme und Beachbars hinzugekommen. Ein Stückchen weiter, in unbewohnter Natur, kommen wir zu einer Sand-/Steinbucht mit einem Felsen an der Spitze. Die Vergangenheit schleicht sich in meine Gedanken ein. Ich sehe auf die Platten in der Sandbucht. Hier habe ich Nächte durchgetanzt. Es war einst die Tanzfläche der Disco, in der ich gejobbt habe.

Itamos, wie der höchste Berg der Landzunge, so hieß damals die Disco am Strand

In der Bucht sind nachts die Delfine durch den Mondschein gesprungen. Ich habe sie von dem Felsen aus beobachtet. Ob sie dort heute noch immer an die Küste kommen?

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Bucht von Toroni

Schräg, in der Bucht gegenüber befindet sich das kleine Örtchen  Tristinika mit seinem langen recht einsamen Sandstrand. Es lohnt sich die kleinen Orte zu besuchen, jedoch nicht nur am Strand, sondern auch im Inland. Dort wird griechische Gastfreundschaft noch groß geschrieben. Auch in Neos Marmaras möchte ich gerne vorbei schauen und einen Cafe Frappe trinken, das Südseefeeling genießen.

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Viele kleine Tavernen haben um diese Jahreszeit schon geschlossen. Sie öffnen den Herbst und Winter hindurch meist nur am Wochenende oder an Feiertagen, dann wenn die Städter aus Thessaloniki das Wochenende in ihren Ferienhäusern verbringen. Aber ein geöffnetes Kafenio findest Du fast immer. Dort sitzen vorwiegend Männer und lassen ihre Kombolois als Zeitvertreib um die Finger wirbeln. Die kleinen Perlenkettchen ähneln einem Rosenkranz, haben jedoch keine religiöse Bedeutung.

Petralona

Einen Zwischenstopp legen wir in Petralona ein,  wollen uns die Tropfsteinhöhlen ansehen. Es gibt feste Uhrzeiten für Gruppenführungen. Wir haben noch Zeit bis die Führung beginnt und informieren uns in dem kleinen zugehörigen Museum über die historische Stätte. Wir sehen uns viele Funde z. B.: Knochen, Fossilien, Werkzeuge an.

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Dann geht es hinein. Die bunten Stalagmiten und Stalaktiten sind beeindruckend. Bei 17 Grad und 90% Luftfeuchtigkeit wandern wir durch die Höhle, begleitet von einem ständigen plitsch-plisch-plitsch. Die Zapfen wachsen noch immer.

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Zum Ende der Führung gelangen wir zu der nachgestellten Fundstelle des Schädels eines ca. 30 jährigen Mannes. Mit 700.000 Jahren ist dieser Fund älter, als die Funde der Neandertalerknochen. …und unser Kühlschrank bekommt noch einen neuen Magneten.

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Thessaloniki

Nun müssen wir uns sputen. Deshalb geht’s jetzt rauf auf die Schnellstraße und ab in die Großstadt. Klar – wir qautschen und verpassen die Abfahrt. Thessaloniki ist von Bergen umringt. Wieder einmal über kleinste, schmale Straßen geht es durch die Altstadt. 110 Grad Kurven bergab, im feinsten Feierabendverkehr.  Wir gelangen ins Zentrum. Dort befinden sich die Messehallen, dort wollen wir parken. Das gestaltet sich nicht einfach. Ich bin entsetzt über den Verkehr. Stoßstange an Stoßstange, hupend und drängelnd schieben sich die Automassen mehrspurig aneinander vorbei. Hilfe! So schlimm hatte ich es nicht in Erinnerung. Wir sind froh, als das Auto sicher auf dem Messegelände steht.

Weiter geht es zu Fuß. Der Verkehrslärm, die vielen Menschen, die sich zwischen den Autos über die Straße schieben, überfordern mich gerade – wo müssen wir hin? Ich erkenne nichts wieder.

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Danke Viki für das Bild von der „Kamara“

Dort drüben stehen sie, am „Triumphbogen“ auch Kamara genannt. Viki, ihr Mann, ihr Sohn und die Schwägerin, welche auch einmal meine Schwägerin war. Langsam setzt auch bei mir die griechische Gelassenheit ein. Der Verkehrslärm rückt in den Hintergrund, alle schnattern wild durcheinander, die Wiedersehensfreude ist groß. Juppi – ich bin tatsächlich wieder in Saloniki. Viki ist Archäologin und weiß zu jedem Stein eine Geschichte.

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Gerade wurden beim Bau der U-Bahn historische Gebäude, Mauern und Werkzeug der alten Stadt unter der Stadt entdeckt. An einer Ecke kaufe ich Bougaza für heute Abend. Ich liebe dieses Blätterteig Gebäck, gefüllt mit Pudding, Schafskäse oder Spinat.

Kali Orexi – guten Appetit

Wir werden zum Essen eingeladen in das Restaurant „Allos Tropos“ was so viel bedeute wie „Anderer Weg“. Hier gibt es typische Speisen der Insel Kreta. Schnell stehen Tsipouro und Wasser vor uns auf den Tisch.

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Im Restaurant „Allos Tropos“

Inzwischen wurde  Dakos (ντάκος) serviert. Das ehemalige „Arme-Leute-Essen“ wird zubereitet aus: Paximadi, einem mehrfachgebackenem harten Brot, mit Öl übergossen sowie gewürfelten Tomaten, kleinen Fetastückchen und Kräutern.

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Es folgt Apaki (απάκι): Dünne Fleischstreifen in Essig eingelegt und anschließend mit Kräutern geräuchert, dazu Hirse. Etwas Ähnliches habe ich in der „Alten Post“ in Schäßburg, Rumänien schon einmal gegessen.

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Aber es geht noch weiter. Es folgen Loukaniko (λουκάνικο): Grobe Hausmacherwurst aus Schwein und Lamm mit Fenchel und Orange gewürzt, als Bratwurst serviert. Aus dem kleinen Dorf Sfakia stammt Sfakianopita. Ein Pitateig, mit griechischem Weichkäse, Ölivenöl, Honig, Nüssen und Zimt. Es war alles soooooo lecker, mir läuft beim Schreiben das Wasser im Mund zusammen. Während des Essen philosophieren wir über griechische und deutsche Politik, über Flüchtlinge und Religion. Aber auch über Geschichten von früher wird herzlich gelacht.

Bye-Bye und vielen Dank

Leider müssen wir uns von Viki und ihrem Mann verabschieden. Ich hoffe wir sehen und bald wieder.

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Nun zu viert schlendern wir zum Weißen Turm, Lefkos Pirgos (Λευκός Πύργος), dem Wahrzeichen von Thessaloniki, an der Promenade südlich des Hafens gelegen. Mir kommt die Melodie von dem „Saloniki-Lied“ in den Kopf in dem es heißt: Mein Thessaloniki und wenn ich weit weg von dir bin, erinnere ich mich immer an deinen süßen Namen, ah, wie ich mich sehne zu dir zurück zu kommen.

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Lefkos Pirgos, das wahrzeichen der Stadt

Der Weiße Turm wirkt gerade ein bisschen wässrig. Wer wird denn da sentimental werden? Ich möchte die schöne Zeit nicht missen – ein Stückchen meines Herzens habe ich hier verloren.

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Es wird Zeit sich zu verabschieden. Wir werden noch zum Parkplatz begleitet, dann geht unsere Reise weiter, raus aus Thessaloniki, hin zu unserem heutigen Übernachtungsplatz Camping Agiannis. Noch einmal fahren wir quer durch die Stadt. Der Verkehr erscheint mir nicht mehr schlimm, die Stadt wieder vertraut.

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Camping Agiannis

Auf der Hauptstraße geht es hinaus, der Verkehr nimmt schnell ab. Wir umrunden die Bucht, fahren in Richtung Olymp. Dann verlassen wir die Hauptstraße, folgen den kleinen Dorfstraßen – Ruhe. Wir gelangen wieder ans Meer. Der Campingplatz wirkt verlassen. Auch hier ist Saisonende. Wir gehen hinunter zum Meer. Dicke blaue Quallen werden angeschwemmt, kullern über den Tang.

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Warum sind sie alle tod?

Es wird dämmrig und ich meine die Lichter von Thessaloniki in der Ferne zu erkennen. Das Meeresrauschen wiegt uns in den Schlaf. Θεσσαλονίκη μου…

 

Einsame Buchten und antikes Großstadtflair

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2 Gedanken zu „Einsame Buchten und antikes Großstadtflair

  1. Herzblut hast Du wirklich in der Tinte. DieVergangenheit hat Dich eingeholt
    Deine Sprache ist hier äußerst nah an Wehmut.
    Gibt es ein einzelnes Foto von Dir+Robert unter den Schirmen am Campingplatz von Agiannis?
    L.G. Eli

    1. Zwischen den Zeilen: Ja, vielleicht war ich auch tatsächlich ein wenig wehmütig 😉 Es war einfach wundervoll, nach so vielen Jahren wieder dort zu sein.
      Nein, ein einzelnes Foto von Robert und mir gibt es nicht unter den Schirmen. Das war in Thessaloniki und jeder wollte dort ein Bild machen 😉
      Ich wünsche Dir einen schönen Abend L.G. Kirsten

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